Werk zum Sonntag | Essay, Plädoyer | Haus Bartleby

Werk zum Sonntag

Aus dem Hause Bartleby

Park_alle

Sehr geehrter Sonntag!

Wer was wann gesagt hat, ist den autoritären Charakteren immer wahnsinnig wichtig. Kaum sagst Du es, fragen sie: »Wer sagt das?« Natürlich nur, um das Ich, dass es ja gerade gesagt hat, nicht allzu ernst nehmen zu müssen. Überall scheinen den Kapitalisten des Geistes Bedrohungen ihres erstarrten Hochstatus' zu lauern.

- Wem gehört es?
- Wer hats erfunden?
- Wer ist berechtigt?
- Wer ist illegal?
- Wer ist verantwortlich?
- Wer hat die Bedeutung?
- Wer streicht die Gewinne ein?
- Wem zahlst Du die Miete?
- Wer hat die Macht?
- Und wer muss gehorchen?

Nun ward die einfache Frage an uns übermittelt: »WERK - Was hat das zu bedeuten?«

Nun wäre es schade, den Begriff in seiner ganzen Wärme & Klarheit zu bewerten - zumal auch unsere Gehirne dafür nicht ausreichen würden. Aber ein paar abseitige Hinweise seien geliefert.

Es gibt einen feinen Rätsel-Stummfilm von Ernst Reicher aus dem Jahr 1913 mit dem schönen Titel »Das WERK«. Der Film ist derzeit nirgends zu bekommen oder öffentlich anzuschauen. Nur in einigen staubigen Archiven liegt er noch herumme, für kramfreudige Filmstudentinnen dort verborgen.

Umständlich in alte Apparaturen hineingefriemelt, kann in »Das WERK« bestaunt werden, wie die Skulptur eines Bildhauers bei einem Transport gestohlen wird. Aber keiner wills gewesen sein. Alle sind verdächtig! - Am Ende ist es auch egal, wahrscheinlich wars der Bildhauer selber. Sein Werk wird im Französischen Garten über nacht aufgestellt.

Weiters gibt es das »Das WERK« von Émile Zola, 1885. In der Erzählung versucht ein Kunstmaler seine Bilder irgendwie in tolle Ausstellungen zu bekommen, aber das klappt alles nicht so recht und schließlich hängt er sich selbst an seiner Staffelei auf. - Was für ein Unfug, oder? Die Werke sind ja alle da! Es wäre nicht nötig gewesen. Danach wird er natürlich berühmt, wie das so ist, nicht. Aber er selber hat nüscht mehr davon. Ein ganz doofer Tod aus Eitelkeit.

Nun weiter im WERK. - Da wir den christlichen Begriff vom WERK einer höheren Macht auch nicht so arg schätzen - obschon wir bewundern, wie die Kirchenkonzerne sich ihren riesigen Freiraum erhalten, ohne sich den sinnlosen Diktaten des vermeintlich »freien Marktes« zu unterwerfen, sondern einfach ihr Ding machen - springen wir lieber gleich zu einigen Zitaten aus der Geistesgeschichte. Mit Name, Adresse, Telefonnummer und Eigentümer. Damit alle auch glauben, dass es wichtiger ist, als andere kluge Sätze:

1. »Nichts ist so voll und ganz das WERK unseres freien Willens wie Zuneigung und Freundschaft« (Michel Montaigne)

2. »Das WERK, das man malt, ist eine Art, Tagebuch zu führen« (Pablo Picasso)

3. »Das WERK ist die Totenmaske der Konzeption« (Walter Benjamin)

doch

4. »Freude an der Arbeit lässt das WERK trefflich geraten« (Aristoteles)

und

5. »Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit« (Karl Valentin).

Soviel zur sonntäglichen Erbauung. Es ist hier aber noch was anderes los.

Seit einigen Monaten kommt es in der Umgebung des Büros des Hauses Bartleby zu erheblichen Problemen, weil die Vermieter sich entschlossen haben, überall die Mieten drastisch zu erhöhen. Sie schöpfen den rechtlichen Rahmen bis zum Gehtnichtmehr aus, um immer noch mehr aus den Leuten herauszupressen. Dabei ist der Körnerkiez einer der ärmsten Kieze in der Stadt Berlin.

Mit den zusätzlich erzielten Einnahmen bauen die Vermieter natürlich keine neuen Wohnhäuser (dann gäbe es keinen Mangel, der ja erst Preis und Preissteigerungen erzeugt), sondern machen irgendwas anderes Geiles mit dem Geld. Das Maß scheint voll beziehungsweise leer. Immer mehr arme Leute müssen wegziehen, weil sie sich die verdammte Miete nicht mehr leisten können.

Dagegen regt sich nun in diesem Areal von 12.000 Menschen und drei Quadratkilometern ein erstaunlicher Unmut! Teil davon ist ein Kunstwerk im Französischen Garten. Der sogenannte Körnerpark wurde in den 90er Jahren aufgeforstet und mit einem Quartiersmanagement ausgerüstet, um die Immobilienwerte zu steigern.

Nun ist unser aller Französischer Garten wirklich ein großer Gewinn und im Sommer ignorieren einfach alle die Schilder mit »Kinder auf der Wiese verboten«. Hier funktioniert Multikulti in einem entspannten nebeneinander, das sich dann und wann zum Stelldichein inmitten wunderbar geordneter Natur trifft. Eben in diesem kleinen Park.

Unbekannte Künstlerinnen haben hier vor etwa 8 Wochen ihr WERK vollbracht. Wir kennen sie wirklich nicht, aber wir freuen uns jeden Tag, wenn wir auf der Galerie daran vorbeischlendern. Zumal der Rasen einfach nachwächst und das WERK verschwinden wird. Bis dahin ist es für alle! Sehr akzeptabel wie wir meinen, und viel schöner als achtlos hingeworfene Tags und Graffitos (wobei es davon durchaus auch sehr gelungene gibt - doch leider selten).

Nun.

Inakzeptabel ist natürlich das teuflische WERK der Eigentümer, die sich freuen, den Leuten immer noch mehr Geld aus der Tasche zu ziehen für ganz einfache Wohnungen - in Häusern, die vor langer Zeit errichtet wurden von vieler Hände Arbeit, lange abgezahlt sind und heute nur noch als Spekulationsobjekte dienen. Einfach, weil irgendjemand die Macht darüber behauptet: »Eingetragen mit Brief und Siegel!«

Das ist solange für den Einzelnen erträglich, wie die Miete ein paar Prozent des Monatseinkommens ausmacht. Wie eine Steuer wird die Miete einfach abgezogen, Nebenkosten, Heizung, Strom und Renovierungen zahlen die Mieter ja eh selbst - doch solange mensch danach noch einigermaßen gut leben kann und sich nicht zutode schuftet, schien das für die meisten Leute egal zu sein. Auch wenn natürlich insgesamt riesige Summen verschoben werden, die ungeheuerliche Macht bedeuten - im Haushalt des Einzelnen spielt es keine dominante Rolle.

Das hat sich geändert. Immer mehr Werktätige fragen sich hier, wofür sie überhaupt diese hohen Mieten bezahlen müssen? 20%, 30%, sogar 50% und mehr sind keine Seltenheit. Nur, weil sich irgendjemand »Eigentümer« schimpft.

Keiner außer der Marktlogik weiß, warum jene, die sich Eigentümer nennen, immer NOCH mehr Geld haben wollen für nichts und wieder nichts. Und warum »unser« Staat die Vermieter dabei auch noch unterstützt. Und im allerschlimmsten Fall die armen Leute aus ihren Wohnungen prügelt, sobald sie nicht noch mehr an den Vermieter zahlen. Warum ist das so?

Eine Antwort haben wir darauf nicht. Aber fragend gehen wir voran!

Denn es ergibt sowenig Sinn! Es scheint so willkürlich oder historisch einseitig begründet zu sein. Und es wäre für uns alle so einfach, uns zu wehren oder uns gleich ganz anders zu organisieren und den Vermietern ein Schnippchen zu schlagen. Schließlich ist das hier unser aller Kiez. Oder etwa nicht?

Schönen Sonntag!
Haus Bartleby.


Berlin am Sonntag, 01. März 2015