Nieder mit der Arbeit | Essay | Haus Bartleby

Nieder mit der Arbeit

Von André Thirion


Was wird nicht alles unternommen, um auf "proletarisch" zumachen. So verwechseln nicht wenige unserer kommunistischen Journalisten das Gebot, eine Sprache zu sprechen, die den Arbeitern nicht nur verständlich ist, sondern vor allem ihre Gedankenwelt wiedergibt, mit einer Art der Darstellung, einem abstrusen Arbeiterkult, der schon auf der Ebene der Beschreibung eine Karikatur auf die wirklichen Arbeiter ist.

Daß die Schriftsteller des Naturalismus oftmals dazu übergegangen sind, ihre Helden den unteren Klassen zu entnehmen, beweist nicht mehr, als daß man zu einer bestimmten Zeit den Druck dieser Klassen verspürte. Der Glaube, durch eine schwerfällige schulmeisterliche Beschreibung der Arbeiterexistenz dem Proletariat näherzukommen, ist die große Utopie der zurückgebliebenen Naturalisten. Nebenbei bemerkt, sind es Ergüsse im Stil von Pierre Hamp, durch die diese Tradition auf viele unserer kommunistischen Schriftsteller fortwirkt. Aufgrund der Gedankenlosigkeit und der mangelnden Kritikfähigkeit, die den Franzosen eigen sind, und ihrer Marotte, stets das Behältnis mit dem Inhalt zu verwechseln, konnte es nicht ausbleiben, daß man bei dieser merkwürdigen Art, sich der Arbeiterklasse anzubiedern, nur zu den blödsinnigsten Ideen über die Arbeiter und ihre Lage gelangen konnte. Immer und immer wieder hat man zu dem selben rustikalen Porträt angesetzt, und sich so schließlich in das Modell verliebt.

Es vergeht kein Tag, ohne daß man auf irgendeinen Artikel stößt, in dem die plastische Schönheit der Arbeit, der Mühsal und, damit verbunden, ihr moralischer Wert gepriesen wird, in dem man den Arbeiter befingert, in dem man - wie Taylor - seine Muskeln befühlt, in der Hoffnung, ihn durch Schmeichelei und Bewunderung der zweifelhaftesten und fragwürdigsten Art für die Sache gewinnen zu können. Sie sind voll und ganz davon überzeugt, unsere Intellektuellen (die größtenteils nicht wissen, was Arbeit ist), wenn sie vom "Bienenfleiß der Fabriken" oder der "harten Existenz des Bergmanns" sprechen und die ekelhaftesten Bilder über ihre feuchten Lippen sabbern.

*Anmekung Haus Bartleby:
André Thirion bezieht sich auf seine Zeit, in der bürgerlich-kapitalistische Schriftsteller einerseits auf "rot" machten, andererseits die kommunistische Kulturproduktion erheblich das Lob der Arbeit förderte. Heute blicken wir eher über die Fratze des Computers einer totalen Dienstleistungsgesellschaft in die hässliche Fratze. Die fatale Ideologie vom Lob der Arbeit scheint so unantastbar wie nie zuvor - und die Sinnlosigkeit der Tätigkeiten (idiotische Medienproduktion, Milchkaffeesaufen, Krempel verkaufen, Kinder optimieren, Banken managen) scheint nicht ab- sondern zugenommen zu haben. Wobei angesichts des abnehmenden Wohlstandes heute noch verschärfend hinzu kommt, dass sich der ganze Quatsch auch materiell immer weniger auszahlt.*

Man kann schon von Glück reden, wenn mal jemand auf die scharfsinnige Idee kommt, daß (seit der "Rationalisierung") die Anstrengung den französischen Arbeiter kaputt macht, oder das Band, z.B. bei Citroen, ein Ort der Quälerei ist. Diese Leute sparen sich ihre Begeisterung auf, um uns mit schönen Bildern vom "Rußland der Arbeit", wie sie es nennen, zu versorgen. Am Ende ist man völlig perplex, den nichts ähnelt einem Hauer aus Lens mehr als ein Hauer vom Donez, der häufig mit derselben amerikanischen Maschine hantiert wie sein französischer Kollege. So gelangt man dazu, die UdSSR als "Republik der Arbeit" zu bezeichnen, was ein Widersinn der reaktionärsten Sorte ist. Darauf soll es nicht ankommen! Diese Herren meinen, auf ihre "Poesie" keinesfalls verzichten zu können, wird doch in den russischen Fabriken der Siebenstundentag eingeführt.

Das Lob der Arbeit ist, seit dem Verschwinden der Sklaverei aus Westeuropa, ein alter Gedanke der herrschenden Klassen. Der Welt einzureden, daß harte Arbeit das beste Mittel gegen Verdruß sei, ist der eigentliche Zweck reaktionärer Moral. Damit wird kein anderes Ziel verfolgt, als jede nicht produktive Tätigkeit der Ausgebeuteten in Mißkredit zu bringen. Der Bourgeoisie war sehr daran gelegen, sich eine Religion einzuverleiben, die ihren Interessen so dienlich ist. Die Arbeiten in den kapitalistischen Fabriken adelt (oder in den Büros der Mächtigen, oder Parteizentralen, oder ihren Theatern, oder als andere Hausbedienstete der Großkupferten, oder als deren Friseure, oder deren Arbeitslose, oder deren journalistische Dienstboten, oder, oder oder; Anm. HB); die alten Diener werden belohnt; die besten Arbeiter erhalten eine Prämie, während die Arbeit immer abstoßender geworden ist, so daß man ihr selbst die dümmste Beschäftigung vorzieht! Eine wahrlich raffinierte Niedertracht!

Selbst von außen erscheint es uns noch entsetzlich. Ich denke mir, daß man schon sehr wenig Mitgefühl haben müsste, um das Schauspiel der Arbeit ohne Abscheu ertragen zu können. Wie viele Dinge bekommt man schon zu sehen, die so hässlich und zugleich so deprimierend sind? Und noch ein Schlag mit der Spitzhacke! Der Schweiß klebt ihm das Hemd auf den Rücken, diesem Straßenarbeiter - ein Gefühl, das immer unangenehm ist. Achtet darauf, daß er so wenig wie möglich tut und mit welch einem Ausdruck von Niedergeschlagenheit! Gäbe es nicht das Bistro an der Ecke, die Schaufel könnte lange unberührt auf der Schubkarre liegen bleiben. Ist das Loch erst einmal gegraben, wird er es wieder zuschütten. Und die ganze Zeit gehen, unentschlossen, hübsche Frauen vorüber. Dann wird er eine Straße weiter wieder ein neues Loch ausheben.

Seht, wie sie von ihrer Arbeitsstätte kommen, der Kuli, der 12 Stunden am Tag in Shanghau arbeitet, der Hilfsarbeiter, der gerade eine 9-Stunden-Schicht in den Javel-Fabriken hinter sich gebracht hat, und vergleicht ihren schleppenden Gang mit dem leichten Schritt des Müßiggängers. Sie haben nur noch einen Gedanken: nach Hause gehen und schlafen. Wundert euch, daß die Arbeiter noch Kinder machen, haben sie doch so wenig Zeit dazu! Der Stumpfsinn, der öde Stumpfsinn, weicht nicht mehr von ihnen. So glaubt man, ihre Revolte zu betäuben. Ich spreche hier wohlgemerkt nicht vom Schmutz, vom Gestank, die mit der Arbeit untrennbar verbunden sind. (Das war eben ein ganz wichtiger Punkt, liebe Leserin!; Anm. HB) Darauf kommt es in Frankreich nicht so an...

Das ist sie also, die Arbeit. Nun gut, da du dich amüsieren willst, idiotischer Kleinbürger (oder Großbürger), den eine unbegreifliche Neugier diesem Ziel zustreben lässt (mit jenem Ausdruck dümmlichen Erschreckens, der dir so gut zu Gesicht steht wir ein Meerschweinchen), da du dir eine schöne Zeit machen willst - obwohl dieses Schauspiel für dich nur den widerwärtigen Zweck hat, deine Taschen zu füllen -, setz dich für ein paar Stunden neben den Arbeiter, der seine Tage damit verbringt, Löcher in identische Bleche zu stanzen, oder in die Schalterhalle einer Großbank (oder ein "Kundenzentrum" des Arbeitsamtes; Anm. HB) oder zu dem Drucker, der inmitten der ratternden Rotationspressen diese Seite abzieht (oder dem Programmierer, der den ganzen Tag auf endlose Zahlenkollonnen stiert, damit der Browser dir diese Seite anzeigen kann; Anm. HB). Nur zu! Und du wirst mit verstörtem Blick, mit einem Blinzeln in den Augen und vielleicht jenem Zittern in den Händen, das ein Anzeichen für dementia praecox ist, wieder herauskommen. Es wird mir ein gewisses Vergnügen bereiten, dir dabei zuzuschauen.

Voller Selbstgefälligkeit wird jener andere Kleinbürger, der den Saint-Just spielen möchte, Anstalten machen, jene angewiderten Betrachter als Faulenzer und Nichtsnutze zu beschimpfen und mich auffordern, sie bei sich zu Hause aufzusuchen, die Proleten. Das ist genau das, was ich vorhatte, lieber Freund, ob Sie es glauben oder nicht. Aber zuvor gestatten Sie mir, Sie darauf hinzuweisen, daß Sie keine Veranlassung haben, jene (vielleicht sehr zutreffenden) Bezeichnungen zu verwenden, mit denen Sie, gerade eben noch, meine Person hatten verächtlich machen wollen. Als ob von Zuschauern die Rede wäre! Es geht um den Haß auf die Arbeit bei denen, die ihr ausgesetzt sind, weil sie von niederer Herkunft sind, oder weil sie kein Glück haben oder weil sie anständig sind, und vor allem bei denen, die ihr zu den schändlichsten Bedingungen und Löhnen ausgesetzt sind: die Proletarier (das sind wir heute nahezu alle unter 45, zumindest in Punkto Lohnniveau, Kaufkraft, Arbeitszeit und Abhängigkeit von Kapitalisten; Anm. HB). Nirgendwo anders als bei ihnen ist dieser Hass ausgeprägter. Ich führe als Zeugen jene jungen Arbeiter an, die im Mai 1927 in der Firma Citroen zum ersten Mal in Streik traten. "Wir sind für den Zwei-Stunden-Tag", sagten sie, "und wenn wir zwei Stunden arbeiten würden, wären es immer noch zwei zuviel". Sie waren der Meinung, daß jede Beschäftigung, egal welche, allein schon deshalb, weil sie ihnen nicht aufgezwungen wäre durch jenen Handel, bei dem man stets den Kürzeren zieht, jener Schande, die man "seinen Lebensunterhalt verdienen" nennt, besser wäre, als Metallflugzeuge für die Messe zusammenzubauen. Zum Beispiel, angeln zu gehen, oder Billard zu spielen.

Der Streik ging verloren. An dem Tag, als die Arbeit weideraufgenommen wurde, schien, ganz zufällig, die Sonne. Viele der Arbeiter, die die Betriebsleitung mit dem Versprechen auf eine geringfügige Lohnerhöhung wieder anstellen wollte, zogen es vor, sich eine andere Arbeit zu suchen, um an diesem Tag mit ihren Freundinnen durch die Wälder von Meudon zu streifen. Jetzt haben sie eine Vorstellung davon, wie piepegal diesen Leuten die schöne Arbeit ist und wie wenig sie sich für die Photographien von Eisenbrücken und Weinkellern, die Nos Regards abdruckt, interessieren - so wenig wie ein Wolf für einen Zwinger!

Man muß sich fragen, wie ein Revolutionär, oder ein sogenannter, nicht von der Würdelosigkeit der Arbeit überzeugt sein kann. Was sind Merksprüche wie "Arbeit ist Gesundheit" oder "Arbeit führt den Verirrten auf den rechten Weg zurück" anderes, als moralische Formen der Unterdrückung, die wir beseitigen müssen? Glaubt man denn, die Menschen könnten diese Sklaverei ewig ertragen?

Das Leben zwingt uns doch schon genug zu unaufhörlicher Anstrengung und eine der großen Wohltaten der Existenz besteht sicherlich in der Verpflichtung zu arbeiten, um allem, egal was es ist, auch nur die einfachste Form zu geben. Aber da wir schon bereit sind, es zu ertragen, dieses Leben, werden wir uns immer gegen alles auflehnen, was uns dazu zwingen will, Schluss zu machen mit ihm. Nicht anders lautet unsere Definition von Gut und Böse. So braucht man zum Beispiel nicht lange zu suchen, um sich gezwungen zu fühlen, einer dringlicheren Notwendigkeit als dem Nichtstun zu gehorchen und, mit oder ohne Begeisterung, irgendeinen Dienst für die Revolution zu übernehmen. Das sagt wohl genug darüber, in welchen Fällen wir keine Mühe scheuen. Denn es kann nicht angehen, daß wir nicht alles zur Wahrung unserer unantastbaren Rechte NICHT zu arbeiten aufbieten.

Indes schreibt Marx, die Arbeit sei als "Bilderin von Gebrauchswerten, als nützliche Arbeit, eine von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen, ewige Naturnotwendigkeit, um den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also das menschliche Leben zu vermitteln". Na dann, wird man uns entgegenhalten, sehen Sie mal zu, wie Sie aus diesem Widerspruch herauskommen. Wir sind Ihnen nicht böse, werden die einen beteuern, daß Sie vor lauter Übertreibung mit der "Lehre" in Konflikt geraten sind. Und die anderen, die Freunde der Barbaren, die "Zu eurer Verfügung, liebe Neger", die Propheten des Orients, die verhinderten Bettler, die verkrachten Landstreicher, alles, was sie Anarchie an Kümmerlingen ausgebrütet hat, werden uns mit ihrem Individualismusgezeter in den Ohren liegen.

Na schön, es wird uns ein vergnügen sein, die einen der Ignoranz und die anderen der Dummheit zu überführen. Auch der Tod ist eine Existenzbedingung des Menschen, und trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf, eines Tages die Guillotine in Stücke geschlagen zu sehen. Die menschliche Faulheit wird ständig mit Füßen getreten von der Notwendigkeit zu arbeiten, zu dem alleinigen Zweck, die eigene Existenz aufrechtzuerhalten. Nur, daß der Mensch, durch seine Arbeit, in der Produktion den nicht-menschlichen Kräften, denen der Natur und der Maschinen, einen täglich größer werdenden Anteil sichert. Der Einsatz immer leistungsfähigerer Maschinen wird es ermöglichen, die menschliche Arbeit nach und nach zu reduzieren, bis ihr schließlich nur noch ein äußerst geringer Teil im Leben des einzelnen zukommt. (Wir wir wissen, hat sich diese alte Annahme nicht bewahrheitet - wir werden zu immer schlechteren und längeren Arbeitsverhältnissen gezwungen; Anm. HB). Doch bedauerlicherweise wird dieser Teil, wie klein auch immer er ist, eine der Abhängigkeiten darstellen, von denen der Mensch sich niemals wird befreien können. Die Synthese wird wahrscheinlich niemals vollkommen sein. Aber sie so weit wie möglich voranzutreiben, ist all das Blut wert, das in Dutzenden von proletarischen Aufständen vergossen wurde, in denen die Bourgeoisie manchmal von jenen Arbeitern vernichtet wurde, die sie unvorsichtigerweise daran gewöhnt hatte, die groben Arbeiten zu verrichten, und auch alles Blut, das in kommenden Revolutionen vergossen wird. Für diese bedarf es eines intensiven Hasses, und die Leute, die sich mit allem abfinden, werden nicht auf eurer Seite stehen. Deshalb pfeifen wir auf alle, die sich unter dem bestehenden System schämen, schlechte Arbeiter zu sein, die sich aufregen über die chronischen Arbeitslosen, die Krankfeierer, die Blaumacher, jene Unzähligen, die sich dem Gesetz der Arbeit nur unter Zwang des Hungers unterwerfen, sie können uns am ARSCH lecken, diese Streber, angefangen mit dem jungen Bourgeois, der sich keinen Schlaf gönnt, um das große Geld zu machen, über den Eliteschüler, der vor Übermüdung ganz blöde im Kopf ist, bis zum beflissenen Ingenieur, zum vorbildlichen Angestellten, dem in schwielige Hände verliebten Journalisten, sie können uns genauso am Arsch lecken wie alle Konterrevolutionäre und ihr schäbiges Idol, DIE ARBEIT.