Do the Deathbed Test | Essay | Haus Bartleby

Do the Deathbed Test

Von Martin Nevoigt


Christian arbeitet in einer Führungsposition für eine Softwarefirma. Er hat ein eigenes ausladendes Büro, von dem aus er den Blick über die Innenstadt schweifen lassen kann. Von seinem Verdienst können er und sein Partner sich eine schicke Doppelhaushälfte in einer teuren Wohngegend leisten, mit perfekt abgestimmten Möbeln und einem kleinen Garten. Sein Job erlaubt ihm mehrere Urlaubsreisen im Jahr, die er nutzt, um zu den ausgefallensten Orten der Welt zu reisen. Christian sitzt nicht selten an seinem Schreibtisch und fühlt sich wie gelähmt. Eine innere Leere breitet sich immer weiter aus. Er kommt sich dabei albern und verwöhnt vor, denn er hat doch alles. Manchmal legt Christian den Kopf auf den Tisch und weint leise vor sich hin.

Lisa dachte, ein kleiner Traum wäre wahr geworden, als sie den Job bei der Produktionsfirma bekam. Sie hatte jahrelang versucht mit Praktika ins Filmgeschäft einzusteigen und jetzt würde es richtig losgehen. Das Portfolio der Firma sagte ihr sehr zu, keine billigen Formate, sondern anspruchsvolle Kinofilme. Nach einem Jahr erkennt Lisa langsam, dass sich nur eines geändert hat – der Verdienst. Nun bekommt sie zwar Geld für die immerwährende Erreichbarkeit, die sehr hohen Flexibilitätserwartungen und durchgearbeiteten Nächte. Aber ein Sozialleben mit Freunden ist kaum möglich und wenn sie doch mal welche trifft, drehen sich die Gespräche fast ausschließlich um Probleme im Job. Lisa sehnt sich nach der Zeit, als sie spontan Zusagen zu Einladungen machen oder einfach mal in den Tag hinein leben konnte.

David kann von zuhause aus arbeiten, denn in seiner Firma, einem Online-­‐Shop für Elektronik, passiert alles im Internet. Er leitet ein kleines Team, mit dem er dank Skype problemlos von überall kommunizieren kann. Er verdient genug, um sich eine geräumige Altbauwohnung in einem Szenebezirk leisten zu können. Doch David hasst seinen Job. Auch nach Feierabend, wenn mal keine späte Email mehr zu beantworten ist, kann er kaum abschalten. Ständig gibt es irgend welchen Ärger im Team, der Chef nervt, wenn irgend welche Zahlen nicht stimmen, doch vor allem kommen David die Arbeitsstunden als sinnlos vergeudete Zeit vor.

Diese Beispiele, aufgegriffen aus vielen ähnlichen Berichten, stammen von Menschen, die es eigentlich „geschafft“ haben – attraktiver Job, gutes Einkommen, hoher Bildungsstand, viele soziale Sicherheiten und trotzdem noch recht jung. Handelt es sich dagegen um Leute in prekären Jobs, welche kaum genug Geld zur Existenzsicherung einbringen und dazu noch eintönig und perspektivlos sind, dann würde wohl jeder sofort verstehen, dass solch ein Leben einiges an Qualität vermissen lässt. Aber offenbar vermissen auch jene, die im sozialen Gefüge weiter oben stehen etwas sehr Grundlegendes. Diese Berichte veranschaulichen eine Misere, die so gut wie jeder durchleben muss, worüber aber offensichtlich nur sehr wenige zu reden wagen. Die Frage lautet, was stimmt nicht in diesen Geschichten? Was fehlt und woran liegt das? Und warum redet kaum jemand über dieses alltägliche sich winden und irgendwie durchhalten?

Um das Feld von hinten aufzurollen – ein Regisseur sagte einmal etwas sarkastisch in einem Seminar: „Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg“. Soweit, so furchtbar, denn recht hat er. Im von allen erzeugten Lichte des kommerziellen Erfolgs ist man beliebt, wird bewundert, um Rat gefragt, beneidet und beklatscht. Man hat „es“ irgendwie geschafft, wovon alle karrieristischen Heilsversprechen handeln. Der Umkehrschluss: Nichts ist erfolgloser als Misserfolg. Wer also darüber redet, dass er im Job oder Alltag einfach nicht zurechtkommt, ihm etwas Grundelegendes fehlt, wer nicht mehr so recht mitmachen mag im großen Erfolgskarussel oder einfach nur daran verzweifelt, der erscheint plötzlich ziemlich unattraktiv, wird im besten Fall etwas bemitleidet oder aber besser gemieden. Wer würde sich schon mit einem erfolgsorientierten Anliegen an jemanden wenden, den er weinend in seinem Bürosessel gesehen hat? Darunter liegt aber noch etwas anderes – eine abgründige Angst tut sich auf, ein Spiegelbild. Man sieht im anderen die eigenen Versagensängste, den eigenen manchmal aufkeimenden Wunsch, alles hinzuschmeißen (doch was dann?) oder die dumpfe Ahnung, dass da etwas ganz grundsätzlich nicht stimmt im eigenen Leben – und bevor dieses Gefühl womöglich eine klarere Gestalt annehmen, zu Worten oder sogar Taten gereifen kann, da meidet man lieber diejenigen, die davon etwas ausstrahlen.

Wenn man sich aber dazu überwinden kann, diesem Gefühl einmal Raum zu geben, sich tatsächlich traut einzugestehen, dass man einen Widerwillen spürt, eine Ohnmacht oder eine Leere, dann kommt man meist schnell auf den Punkt, dass dieser Trott aus Arbeit - ein bisschen Alltag – schlafen – Arbeit - ein bisschen Wochenendputz – schlafen ... einem auf Dauer keine Erfüllung bietet. Mal angenommen, man gehört nicht zu der Sorte Menschen, die das als narzisstischen Spleen, als Peter-Pan-Egoismus abtut, („So ist das nunmal, wenn man erwachsen ist, alle anderen leben ja auch recht glücklich so“), dann steht man sofort vor einem weitaus größeren Problem: Was zur Hölle wäre es dann, was mir Erfüllung oder zumindest einen Zustand relativer Zufriedenheit geben kann? Was fehlt mir? Es ist erstaunlich, wie viele Menschen darauf einfach keine Antwort geben können, sondern nur noch eine weiße Nebelwolke vor sich sehen. Die Gründe dafür sind so schlicht wie bedrückend. Zum Einen muss man, wie schon beschrieben, überhaupt erstmal an den Punkt kommen, sich zu trauen, das offen zu fragen. Dafür ist ja im Alltag keine Zeit, im Berufsleben kein Raum, es gibt schließlich dringenderes und wichtigeres zu erledigen, jeden Tag wird die To-­‐Do-­‐Liste länger. Zum anderen wird einem solch ein Denken überhaupt nicht beigebracht. Es gibt keinen gängigen Ort, wo einem derlei vorgelebt und vermittelt wird, man einmal danach gefragt würde. Alles, wonach wir besonders im jüngeren Alter gefragt werden, ist, was wir später einmal arbeiten wollen. Mag diese Frage auch noch so nett und offen gemeint sein, sie stellt klar, dass man, egal, was man später einmal tun wird, sich gefälligst irgendwo in die kapitalistische Verwertungslogik einzureihen hat. Natürlich fragt sie in der bürgerlich-­‐demokratischen Gesellschaft auch nach Fähigkeiten und Talenten, schließlich soll ja keiner allzu offensichtlich unter jener Logik leiden und auch die glorreiche Work-­‐Life-­‐Balance darf im neuen Kuschelkapitalismus nicht fehlen. Aber die Prämisse, unter der das geschieht, bleibt die Gleiche. Ausnahmen, wie der „verrückte“ Künstler, der in dieser Logik auch seinen Teil zum Funktionieren des Ganzen beiträgt, nicht umsonst spricht man auch vom „Kunstbetrieb“, bestätigen nur die Regel.

Wenn man sich dazu durchgerungen hat und nun vor dieser Wolke aus dichter Ahnungslosigkeit über die eigenen tieferen Bedürfnisse steht, sich nicht von der Angst vor diesem großen fragenden Nichts und den unabsehbaren Konsequenzen hat abschrecken lassen, dann kann man ruhig erstmal kurz innehalten, sich auf die Schulter klopfen und sich beglückwünschen, denn offenbar hat man einen Bereich betreten, den noch nicht besonders viele überhaupt entdeckt haben. Wenn man sich dann krampfhaft versucht zu erinnern, was einen denn als Kind so richtig begeistert hat, als man noch alles im Spiel erlernte und erforschte, bevor einem diese nervige Frage nach der späteren identitätsstiftenden Religion Arbeit gestellt wurde, dann lichtet sich der Nebel oft nur leicht. Man hat so eine Ahnung, so ein schönes Gefühl macht sich breit, aber für Konkretes ist es schon zu lange her, außerdem hört man sich ständig gegenüber den Erwachsenen sagen „Dann werd ich Feuerwehrmann“ oder welcher Beruf eben gerade am attraktivsten wirkte. Oft schieben sich gerade diese Situationen in die Erinnerung, weil wir sie zigmal erlebt haben, durch sie konditioniert sind und eine Frage wie „Was möchtest du denn später einmal spielen?“ sicher nie vorkam. Also verlassen wir die nebulösen Kindertage, nehmen das Gefühl mit, und führen einen geistigen Befreiungsschlag aus, indem wir uns an das imaginäre Ende unseres Lebens begeben – auf unser Totenbett. Diese Stille. (Hoffentlich wird es dann mal still sein). Hier liegen wir nun weich gebettet und schauen auf unser Leben zurück bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir gerade tatsächlich sind. Plötzlich wirkt vieles, was uns eben noch groß erschien viel kleiner und anderes, was klein und vergessen war, tritt nun in den Vordergrund. Das ist ein Moment, den jeder mit sich selbst aushandeln muss, aber eben auch darf. Was geschieht, wenn man diesen „Deathbed Test“ macht, ist ganz individuell verschieden und genau das ist der Schlüssel. Auf dem echten Totenbett wird es egal sein, ob die eigenen Bedürfnisse anderen gefallen, ob sie konträr zu den Erwartungen oder Vorstellungen anderer laufen. Auf dem Totenbett bleibt keine Zeit mehr für die nächste To-­‐Do-­‐Liste, weil es nur noch darum geht, eine ganz persönliche Bilanz zu ziehen, nur mit sich und dem eigenen hoffentlich gut gelebten Leben. Auf dem Totenbett wird klar und deutlich zu sehen sein, was einem im Leben wirklich wichtig war, was man unbedingt und unter allen Umständen erleben und erschaffen wollte – und welche Dinge dem unterzuordnen und als nicht so wichtig einzustufen sind. Es mag auf den ersten Blick paradox und auch etwas makaber erscheinen, aber im Angesicht des nahen Ablebens, wenn deutlich wird, dass dieses Leben endlich und einzig ist und jedes Lebensjahr unwiderruflich zu Ende geht, tritt der unschätzbare Wert des eigenen Lebens und der eigenen Bedürfnisse glasklar zutage. Und macht vor allem deutlich, dass viele scheinbare Kompromisse im Leben keine sind, wenn es darum geht ohne Angst nach der eigenen Fa­çon glücklich zu werden.

Aber trotz der Individualität der menschlichen Bedürfnisse zeigt ein aktuelles Buch1 über die Selbstvorwürfe und das Bedauern von im Sterben begriffenen Menschen sehr anschaulich, dass die Art der Bedürfnisse, auf die es offenbar ganz grundlegend ankommt, doch bei vielen ähnlich ist. So antwortete kein einziger auf die Frage, was sie rückblickend denn gern anders machen würden, dass sie gern mehr gearbeitet, mehr Karriere gemacht, gern noch mehr wirtschaftlich oder materiell erreicht hätten. Durchweg wurde von allen konstatiert, dass man wünschte, man hätte mehr Zeit mit Familie oder Freunden verbracht, man wäre sich selbst mehr nachgegangen, hätte
weniger gearbeitet. Was auch immer das konkret heißen mag, sich selbst mehr nachzugehen, so wird hier doch sehr deutlich, dass offenbar etwas anderes als materieller Reichtum im Leben zählt – ein ideeller Reichtum. Das bedeutet nicht, dass finanzielle Sicherheit nicht generell etwas beruhigendes hat und man sich damit auch einige Wünsche und Ziele erfüllen kann, die meist weniger mit materiellem Besitz als mit ideellem Wert zu tun haben. Aber – und hier liegt wohl die Fallhöhe – oft ist das, was man dafür tun muss bzw. welche Lebensweise und Denkweise man dafür an den Tag legen muss, um beruflich so erfolgreich zu sein, dass man tatsächlich mindestens zur (oberen) Mittelschicht gehört, ein Preis, der zu hoch ist. Man muss sich offensichtlich so sehr „verbiegen“, so flexibel, einsatzbereit, belastbar, erreichbar, unermüdlich motiviert sein, um in der oktroyierten Dauerbetriebsamkeit mitmischen zu können. Etwas scheint dabei auf der Strecke zu bleiben, etwas sehr grundlegendes, etwas, dass mit einem tiefen menschlichen Bedürfnis, oder gleich mehreren davon, zu tun hat, sodass man es nicht einfach wegwischen und für allzu lange Zeit ignorieren kann, ohne irgendwann weinend hinter seinem Schreibtisch in sich zusammen zu sacken.

Wer sich traut den Deathbed Test zu machen und daraus tatsächlich einige Konsequenzen zieht, der kommt womöglich zu dem Schluss, dass jeden Tag aufs Neue hinter diesem Schreibtisch auf dieser Arbeit zu sitzen und das hoffnungslose Weinen und sich Hindurchwinden direkt miteinander zusammenhängen – und entschließt sich womöglich, diesen Schreibtisch nie wieder aufzusuchen.


Martin Nevoigt lebt in Berlin. Was er arbeitet oder welche Abschlüsse er vorzuweisen hat, ändert nichts am vorliegenden Text, sondern lediglich an seiner Rezeption. Er möchte daran mitarbeiten, dem in der gesellschaftlichen Entwicklung kaum hinterfragten Arbeitsfetisch das Handwerk zu legen.


Literatur: Bronnie Ware – „The Top Five Regrets Of The Dying“ (2012)