Das digitale imperative Mandat „Chez Icke“ | Essay, Plädoyer, Material | Haus Bartleby

Das digitale imperative Mandat „Chez Icke“

von Godfrey Lawrence


Die Regisseurin Gesine Danckwart und der Medientechniker Can Elbasi haben mit „Chez Icke“ einen direktdemokratischen Störfaktor der Repräsentation erfunden. Heute ist ihr Avatar zu Gast im Berliner Think Tank „Haus Bartleby“.

„Klar ist es vorstellbar, dass der Avatar in den Bundestag gewählt wird“, sagt Gesine Danckwart. Erfunden wurde ihr Avatar aber zunächst als besonderer Teilnehmer bei Bar-, Club- und Kneipenabenden. Das nennen sie und ihre Mitstreiter deshalb „Chez Icke“ (sozusagen „bei mir“).

Der Avatar funktioniert so, dass eine natürliche Person „den Hut aufhat“. In diesen Hut sind eine Kamera und ein Mikrofon integriert, die live ins Internet gestreamt werden. Dort kann die Netz-Community ohne Zeitverzögerung an der Veranstaltung teilnehmen – mithören, mitsehen - und mitreden. Über eine Eingabezeile unterhalb des Fensters kann jeder im Netz Fragen und Anweisungen an den Avatar eingeben.

Erreicht ein Vorschlag aus der Schwarmintelligenz eine kritische Masse – also ausreichende Zustimmung – bekommt der Avatar die Handlungsanweisung digital „aufs Ohr“. Er hört also, was der Schwarm möchte. Und führt die entsprechende Handlung aus.

„Bei den Chez-Icke-Abenden ging es darum, mit dieser Technologie Spaß zu haben: Die Leute haben den Barvatar dazu aufgefordert, Blumen zu verschenken, anderen einen Drink auszugeben oder einen guten Gag in den Raum zu rufen.“ Nach der Erprobungsphase mit Auftritten von „Chez Icke“ beim Impulse Theaterfestival in Mühlheim und Düsseldorf, wird nun womöglich die politische Dimension des Avatars deutlich.

Der Avatar könnte gewissermaßen die Erfindung des Digitalen Imperativen Mandates sein (DIM). Der Begriff „Imperatives Mandat“ - in seiner analogen Form - entstammt der kritischen Phase nach der Dritten Französischen Republik mit der Niederschlagung der Pariser Commune. Als Kompromiss sollten künftige Volksvertreter durch direkte Demokratie an den Auftrag der Wähler gebunden werden – das „Imperative Mandat“ wurde erfunden: Wer nicht abstimmte und handelte, wie die Wähler ihren Vertreter beauftragt hatten, konnte von heute auf morgen zurückgeholt und ersetzt werden.

Das Imperative Mandat war ein Kompromiss zwischen der republikanischen Repräsentation (prominente Berufspolitiker sprechen für das Volk, machen aber letztlich, was sie wollen) und der direkten Demokratie der Pariser Räterepublik von 1871 (keine Berufspolitik, alles wird nach dem Subsidiaritätsprinzip in frei gebildeteten Räten entschieden, vom Quartier bis zur Föderation). Das Imperative Mandat wurde im Zuge der Restauration sogar verboten.

Nun hat vor einigen Jahren bis zu ihrem Untergang die Piratenpartei mit ihrer Idee von „Liquid Democracy“ von sich Reden gemacht. Es ging wohl darum, allmählich das Internet als Abstimmungsorgan für alle Bürgerinnen einzuführen, Meinungen und Wissen im Netz zu benutzen, um über die Schwarmintelligenz womöglich zu demokratischeren und besseren Ergebnissen zu gelangen.

Daran haben selbstverständlich eine große Anzahl an Profiteuren der derzeit noch bestehenden Macht- und Eigentumsverhältnisse wenig Interesse – vom einfachen Karrieristen, der hofft, ein bißchen mehr vom großen Kuchen abzubekommen über den Berufspolitiker, der zurecht seine hübsche Diät gefährdet sieht, bis hin zum Großeigentümer, der aus einem Geflecht von Firmen, Ländereien und Beteiligungen Macht und Reichtum ins Unermessliche zu maximieren gedenkt. Was nach derzeit noch gültigen Regularien nur legitim ist.

Transparenz und direkte Aktion sind demgegenüber der größte Feind des Kapitalismus in Demokratien. Das analoge Imperative Mandat - das die Abgeordnete direkt an Weisungen ihrer Wählerinnen bindet, sie direkt informieren muss, sie an allem teilnehmen lässt, was Politik ist – das wurde beispielsweise von den Grünen ausprobiert, dann aber bald zum „Rotationsprinzip“ abgeschwächt. Die Rotation ließ die Repräsentantinnen nur noch alle zwei Jahre austauschen. Ansonsten aber nicht mehr an die Basis gebunden. Und auch das wurde schließlich Anfang der Neunziger ganz aufgegeben.

Das Bombardement Belgrads durch die Bundeswehr und die Enteignung der ärmsten Leute in der Republik durch Hartz IV wäre mit direktdemokratischen Elementen wohl niemals möglich gewesen. Die Grüne Basis hätte beidem - zumindest damals – wohl niemals mehrheitlich zugestimmt. Mit einem Imperativen Mandat hätten die deutschen Bombenangriffe 1999 und Hartz IV 2004 also nicht stattgefunden. Oder zumindest zu Neuwahlen geführt. Die damit zu einem Plebiszit über diese Fragen geworden wäre.

Um die Dimension der Erfindung Danckwarts und Elbasis deutlich zu machen: Der Avatar „Chez Icke“ ersetzt nicht die Repräsentation durch das Internet, wie es die Piraten anstrebten und sich auch viele andere moderne demokratische Kommunisten erhoffen. Es ist auch keine sofortige Einführung der Direkten Demokratie per se. Der Avatar ist aber sehr wohl – und ganz einfach – geeignet, die Crowd an Gesprächen, Parlamenten und Diskussionen teilnehmen zu lassen.

Durch die Kamera und das die Diskussion sehr gut auflösende Mikrofon werden die Abläufe live aus der Sicht des Avatars übertragen. Im Netz können Wortbeiträge, Abstimmungsverhalten, Anfragen und so weiter vom Schwarm vorgeschlagen und direkt abgestimmt werden.

Ein Algorithmus ermittelt eine kritische Masse, ab der eine Frage oder Handlungsanweisung unter allen abgestimmt – und dann an den Avatar digital übermittelt wird. „Der Mensch, der als Sprecher der Crowd dient, hat allerdings noch die letzte Prüfung“, sagt Elbasi, „unterlaufen der Crowd Fehler oder setzen sich idiotische Handlungsanweisungen durch, kann der Mensch im Avatar diese einfach überspringen.“ Das sollte aber nur selten der Fall sein. Schließlich bedeutet das Digitale Imperative Mandat auch, dass der Avatar sofort ausgetauscht werden kann, wenn er im parlamentarischen Verfahren versagt.

Fragt sich nur noch, wann der erste Avatar mit DIM in die Parlamente gewählt wird. (Sofern diese Republik noch lange Bestand hat. Es sieht ja derzeit nicht unbedingt so aus.)

Das Haus Bartleby freut sich nun, „Chez Icke“ als Teilnehmer der Gesprächsreihe mit dem schönen Titel „WERK“ zu begrüßen. Zur letzten Folge zum historischen und aktuellen Thema „Revolution“ hat das Berliner Zentrum für Karriereverweigerung die Transformationsforscherin Luise Tremel von der FuturZwei-Stiftung zu Gast im Publikum – Haus Bartleby im „Laika Neukölln“, Emser Straße 131 (120 Meter vom U/S Neukölln).

Teilnehmer werden neben Luise Tremel die antikapitalistischen Lobbyisten und Müßiggänger Alix Faßmann und Anselm Lenz vom Think Tank „Haus Bartleby“ sein. Und nicht zuletzt: Der Avatar „Chez Icke“. Der Livestream mit direkter Einflussmöglichkeit für alle Vernetzten beginnt um 17:00 – erreichbar auf den Seiten von Chez Icke und Haus Bartleby.