»Und? Jobmäßig?« | Essay, Recherche, Erfahrungsbericht | Haus Bartleby

»Und? Jobmäßig?«

Von B.S.

smalltalk

Von Würde und Eigensinn

Um mich herum herrscht immer noch die Auffassung, dass ein anständiger, gut ausgebildeter Mensch Arbeit hat und ansonsten unauffällig ist. „Und, jobmäßig? Was machst du gerade? Hat sich was ergeben? Was, du bist arbeitslos? Was machst du den ganzen Tag? Willst du nicht wenigstens Putzen gehen? N' paar Euro dazuverdienen, um was zu tun zu haben?“ Oder emotional: „Oje! Das muss ja furchtbar sein. Wie geht es dir?“ Als wäre man von einem anderen Stern oder hätte eine schwere Krankheit, die einem das Leben schwer macht.
Leute in festen (Arbeits-) Verhältnissen, die selten bis nie über den Tellerrand geschaut, Stelle oder Beruf gewechselt haben oder gar arbeitslos waren, wissen offensichtlich nichts vom heutigen Arbeitsmarkt. Kapieren nicht, dass jemand mit Hochschulabschluss in einfache Jobs nicht reinkommt, sondern als überqualifiziert abgelehnt wird. Dass downshifting eine gute Idee ist, in der Realität aber nur wenigen möglich. Und es für eine Stelle hunderte Bewerber gibt, darunter immer jemanden, der auch die prekärsten Konditionen akzeptiert,- die Politik macht's möglich! Besagte Leute wissen ebenfalls nicht, -woher auch-, dass Arbeitssuche knallharte Arbeit ist. Allerdings Arbeit ohne raumzeitliche Struktur, ohne Lohn, soziale Integration oder Teilhabe. Ein solcher Alltag ist tatsächlich anstrengend, oft sinnlos und entwürdigend. Und so tauchen im Laufe der Zeit immer mehr Fragen auf, ob das so sein muss und ob ich im frustrierenden Wahnsinn um Leistung und Anerkennung noch mitmachen will. Wer oder was bestimmt eigentlich, was Arbeit ist?
Fremdbestimmte Arbeit, für die man Geld bekommt, Leistung, auch bis zum Umfallen, Raffen, Schaffen, Erfolg, dann hat man angeblich alles richtig gemacht! Früher hieß das erwählt sein, heute fühlen sich manche gesegnet, Erlösung bzw. Rente inklusive.
Die hiermit angedeutete These Max Webers' (Die protestantischen Ethik und der Geist des Kapitalismus) sitzt latent, aber tief im abendländischen Arbeitsverständnis.
Der Mensch muss arbeiten gehen, verdammt nochmal! „Ob sie einen Sinn hat, ob sie schadet oder nützt, ob sie Vergnügen macht; das alles ist ganz gleich. Es muss eine Arbeit sein. Und man muss morgens hingehen können. Sonst hat das Leben keinen Zweck.“ (aus Kurt Tucholsky's Gesammelten Werke, Bd. II, Morgens um acht)
Heute dringendere Fragen nach der Bedeutung eines Menschen jenseits von Erwerbsarbeit blendet ein solches Verständnis aus, diese Bedeutung existiert aber:
im Windschatten der großen Betriebsamkeit, unabhängig von Leistung, Gelderwerb und Konsum. Es sind all jene Tätigkeiten des Gestaltens eines gesellschaftlichen Miteinanders, des sich- Kümmerns und die Mußestunden für die Seele, die unser Menschsein ausmachen. Ich habe an anderen Orten dieser Welt und in anderen Kontexten niedrigere Stresspegel, anständigere Umgangsformen, friedvolleres Miteinander erlebt. Ein anderes Leben ist möglich. Es kommt nur auf die Prioritäten an.
Karriere nein danke. Selbstaufgabe auch nicht. Glaube an eine Jenseits-Erlösung schon gar nicht. Nicht für die Rente leben, sondern jetzt. Kein Pinguin in der (Arbeits-) Wüste sein müssen und bestimmt auch kein Lemming. Eine Aufgabe zu haben, die weder mich noch das Drumherum zu Grunde richtet, finanzielles Auskommen, genug Energie sowie offene Augen, Ohren und ein Herz für alles weitere im Leben, das wär' schon was.

Good old Germany

Das Deutschland meiner Kindertage, die Siebziger Jahre im Ruhrgebiet in wissentlich überzeichneter Idylle: Im Stadtviertel rot lackierte Holzbänke, auf denen mein Opa sich immer ausruhte auf seinen müßigen Spaziergängen durch die Straßen. Es war Zeit da, um mit anderen Leuten zu plaudern. Und er hatte etwas zu erzählen: Jahrgang 1899, zwei Weltkriege durchlitten, und es aus eigenen Händen vom Tellerwäscher zum Hotelier geschafft. Gibt es das heute noch?
Um die Bänke herum Hecken, bunte Blumenbeete, alte Eichenalleen, spielende Kinder.
In der Siedlung meiner Oma im Sommer der orange Eiswagen mit der lauten Klingel.
Die Eiskugel für 20 Pfennig. Beim Familienunternehmen- Bäcker um die Ecke das Brötchen für 18 Pfennig. Eine Straße weiter der Tante Emma- Laden wie aus dem Bilderbuch. In der Wirtschaft unten abendliche Skatrunden, im großen Saal regelmäßig Feste und Gesangsverein- Proben am verstimmten Klavier. Die Pfadfinder sammelten alte Zeitungen für einen guten Zweck. Als Jugendliche ging ich Babysitten und bekam dafür 10 DM/ Stunde plus Busfahrkarte, Nachhilfe brachte 15 DM. Die „Müllmänner“ bekamen zu Weihnachten ein Geschenk als Anerkennung.
Das alles war normaler Alltag, und es fühlte sich auch so an. Arbeitslosigkeit im heutigen Sinne gab es nicht. Jeder hatte etwas zu tun beziehungsweise konnte sich versorgt fühlen. Selbst wenn jemand Putzen ging oder bei der Müllabfuhr arbeitete, konnte er, ohne sich kaputt zu schuften, anständig davon leben. Wer damals raus war, der war wirklich herausgefallen aus allem. Mit Wissen und Wollen im Suff unter der Brücke, Landstreicher, Penner, und stank. Otto Normalbürger war aber drin im System und stank auch nicht. Heute sind mir die Trennlinien nicht mehr klar, sie verschwinden offenbar.

Diese Gesellschaft entsolidarisiert sich

Aus der ehemaligen Arbeitsstelle, mit der man im besten Fall eine Berufung verband, im schlechtesten aber immerhin noch ein menschenwürdiges Auskommen mit Aufstiegschancen, wurde für viele der Job. Das menschliche Maß verschwand, die unausgesprochene Selbstverständlichkeit, eine Arbeit zu tun, die der Ausbildung entsprach, ebenfalls. Heute wird man dazu verdonnert, jede erdenkliche Arbeit anzunehmen, damit man erstmal was hat. Das ist überhaupt das Allerwichtigste:
egal was, Hauptsache dass, und zwar so schnell wie möglich! Arbeit zu haben ist zur Überlebensfrage geworden. Für viele hängt die bloße Existenz davon ab, entwürdigende Arbeitssituationen mit staatlich vergebenen Konditionen zu akzeptieren. Für andere ist der Wandel in der Arbeitswelt hin zur Ökonomisierung aller Bereiche nicht mehr ertragbar und sie steigen aus ihren Berufen aus. Die zwanghafte Unterordnung der Menschen unter kapitalistische Verwertungsinteressen in unserem Niedriglohnland zeigt offenbar Folgen:
Signifikanter Anstieg psychischer Erkrankungen, verwahrloste Familien, Kinder- und Altersarmut, überlastete Jugendämter, Asozialität im Miteinander, Gewaltbereitschaft, Rücksichtslosigkeit im Strassenverkehr, Aggression, leere, müde Gesichter von Roboter- gleichen Menschen, Flaschensammler, Suppenküchen, Tafeln, Kleiderkammern...
Zu schaffen ist das Leben angeblich nur noch mit Ellbogeneinsatz. Man muss besser sein, als der Andere. Konkurriere, das Leben ist Wettbewerb, Haifischbecken. Rette sich, wer kann. Wo sind wir denn da angekommen? Bei Darwins' These vom Überleben des Stärksten? Die ist längst widerlegt durch den Erfolg des kooperativsten Individuums.
Und wieso überhaupt muss man das Leben schaffen?

Die Rechnung geht nicht auf

Arbeiten und gut leben können ist nicht mehr für alle vereinbar. Die wachstumsvernarrte Politik macht seit der sozialpolitischen Kehrtwende der Agenda 2010 Arbeitsplätze und mehr per Gesetz kaputt, verpflichtet aber gleichzeitig die Bürger, für ihr Auskommen selber zu sorgen. Das passt nicht zusammen und ist eine unverschämte Frechheit.
Es gibt nicht mehr genug und anständig bezahlte Arbeit für alle. Auch die gut Ausgebildeten, also Ärzte, Lehrer, Ingenieure, Krankenpflegepersonal, Sozialarbeiter, gehören zu den über 3 Mio. Arbeitslosen. Fachkräftemangel? Der Markt ist ge- bzw. übersättigt. Wachstum war einmal. Zudem hat Fortschritt menschliche Arbeit in vielem überflüssig gemacht,- worüber die Menschheit sich eigentlich freuen wollte. Jetzt brauchen wir dringend Alternativen wie die 20 Stunden-Woche (Frigga Haug), Entkoppelung der Erwerbsarbeit von menschenwürdiger Existenzsicherung, auf jeden Fall Umbewertungen. Verteilungsgerechtigkeit in vielerlei Hinsicht, anstatt Stigmatisierung derer, die raus sind.
Kurzer Exkurs zur Jobbörse der Arbeitsagentur, Daten von März 2015: 3.092.167 gemeldete Arbeitslose, 889.976 gemeldete Stellen,d.h., jeder Vierte bekäme vom Kuchen etwas ab. Dreiviertel der Stellenangebote als für die Realität unbrauchbar abziehen, dann ist immerhin noch jeder Vierzehnte (!) beim Kuchenessen dabei.
Der Kuchen ist wahrlich keine Torte: Verdrängung von qualifizierten Fachkräften durch billigere Mitarbeiter, Missachtung des Mindest- bzw. Tariflohns, mehrzeilige Anforderungsprofile mit dem üblichen Singsang von Flexibilität, Loyalität, Belastbarkeit, Organisationstalent, selbständiger Arbeitsweise, eigenem PKW- Einsatz, Befristung bis Maßnahmenende in wenigen Monaten, im Vorstellungsgespräch klare Ansage der chaotischen Stellensituation, und das alles bei utopischen Anfahrtswegen. In der Theorie gibt es sogenannte Humankriterien guter Arbeit, die Praxis jedoch ist eine Katastrophe, Würde und Freiheit des Menschen werden mit Füßen getreten. Es geht um's Geld!
Und, wo gibt's die „Superstellen“? An die gelangt man informell, ist bereits drin im System, passt hinein oder hat sich schon in seinem Bereich etabliert. Möglichst lange auf demselben Bürostuhl durchzuhalten, ist auch erfolgsversprechend. In Schubladen zu passen und eine klar einzuordnende Ausbildung vorzuweisen, ebenfalls. Vor allem ist es wichtig, einen linearen Werdegang aufzuweisen und ansonsten den Mund zu halten.
Im deutschen System werden Konformisten begünstig, gehorsame, graue Mäuschen, die auf Standardmaß geeicht sind und ihre Meinung für sich behalten. Wenn sie eine haben.
Für Querdenker, Skeptiker und andere Freigeister ist in der Komfortzone kein Platz. Vielleicht bleibt manchem immerhin noch die selbständige Tätigkeit, um sich nicht ganz verraten zu müssen. Wie weit sind wir eigentlich noch von A. Huxley's schöner neuer Welt entfernt?

Mensch sein und bleiben

Haste' was, biste' was. Arbeit zu haben heißt, mehr oder weniger Geld zu haben, und das ist auch Sinn der ganzen kapitalistischen Angelegenheit. Für Konsum und nochmal Konsum von Sachen, die ich nicht haben, bezahlen oder geschenkt bekommen will.
Kein gutes Gefühl einkaufen, keine Statussymbole ansammeln, keine sinnentleerten Gespräche über das neueste angesagte Kaufobjekt führen.
Beim Menschsein geht es nicht um's Haben, sondern um's Sein. Wer bist du, statt was hast du. Und wenn das Sein sich allein im Haben erschöpft, ist das einfach nur arm.
Die Menschen sagen, sie hätten keine Zeit, ein Buch zu lesen, sich mit Freunden zu verabreden, einen Brief zu schreiben, im Garten zu arbeiten, einen Kuchen zu backen. Andere sind nach zwei Wochen Resturlaub froh, dass es Montag endlich wieder zur Arbeit geht, sie wissen auch nichts mehr mit sich anzufangen. Das soll Leben sein?
Geboren werden, dann auf Standardmaß getrimmter marktkonformer Arbeitnehmer sein, Geld verdienen, in Urlaub fahren, die Rente aufbauen, konsumieren, erschöpft nach Hause kommen, Haus bauen, Kinder kriegen, und das Ganze geht von vorne los?
Das Hamsterrad der harten Fakten um Zeit und Geld? Welch tragisch eingeschränkte Vorstellung von Leben.
Ich halte es für ignorant gegen Leib und Leben, seine Lebenszeit auszublenden. Sie kann schnell zu Ende sein. Wenn Krankheit und Tod einbrechen, hilft kein geradliniger Lebenslauf, kein volles Rentenkonto und kein mainstream- Lebensstil. Das Leben als solches ist unberechenbar und nirgendwo einklagbar. Ich habe es mehrfach erlebt und es hat sich eingebrannt in mein Leben und meinen Lebensstil. Es gibt keine Sicherheit, keine Garantie für das Leben morgen, übermorgen, in 40 Jahren. Leben ist jetzt und hier und heute, für den Erwerbslosen genauso wie für den Erwerbstätigen. Der Lebenswert eines Menschen bemisst sich nicht an seiner Arbeitsstelle. Wer eine hat, okay, wer keine hat, auch in Ordnung,- das liegt an der Ordnung. Die muss geändert werden, nicht der Mensch. Der Fetisch Arbeit gehört abgeschafft.

B.S., Jg. 1973, lebt mit ihrem Mann im ländlichen Westfalen. Sie liebt gute Gespräche mit Menschen, die nicht schon auf alles eine Antwort haben.
Dipl.- Soz.-Wiss./Sozialarbeit, Erstberuf Polizistin