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Karriere unser

Von Alix Faßmann


Herzlichen Glückwunsch! Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Beinbruch! Ein gerissenes Band am Knöchel oder einfach nur eine üble Zerrung tun es auch. Die Schmerzen werden schnell vergehen. Denn von nun an wird Ihnen jeder Schwung an den Gehhilfen wie ein Ereignis vorkommen. Denn das ist es. Glauben Sie mir. Sie glauben doch sonst so leicht und schnell. Oder wissen Sie eigentlich gar nicht mehr, woran es sich noch zu glauben lohnt. Na ja, zur Arbeit können Sie in Ihrem Zustand zumindest nicht humpeln. Das wäre nun wirklich unmenschlich. Sie funktionieren gerade nicht mehr. Das Schicksal hat Ihnen einen Knüppel zwischen die Beine geworfen. Ob Sie wollten oder nicht, jetzt ist die Gelegenheit endlich Ihrem Sein auf die Schliche zu kommen. Es bleibt Ihnen nichts anderes übrig. Sie sind zu langsam für die hetzende Routine da draußen. Aber Sie beginnen mit jeder Zeitlupenbewegung in Ihrem neuen gebrechlichen Leben zu begreifen, dass es sich so gemächlich und mit Weile viel unbeschwerter Denken lässt. Oder wann haben Sie sich das letzte Mal gefragt, ob es dieses Café bei Ihnen um die Ecke eigentlich schon immer gab? Ach, Sie wussten gar nie, dass es ein Café um die Ecke gibt? Setzen Sie sich an den gedeckte Tisch, bestellen ein Glas Schaumwein und legen die kranken Beine hoch. Es wartet die Chance Ihres Lebens. Sie denken: Scheiße, nein, nicht schon wieder eine Chance, die es zu ergreifen oder zu verpassen gilt! Sie haben so recht.

Denn das was jeden beschleicht, wenn man einmal Zeit und Raum zum Denken findet, ist die Frage: Gehört das so? Ist das richtig und sinnvoll, dass ich hier arbeite und mich immer wieder nur beschwere? Ist allein die Fähigkeit, dass ich meine Rechnungen und den Konsum von meinem Gehalt bezahlen kann, all das wert? Und vor allem: Wo soll das denn hinführen?

Die westliche Maschine lebt im Überfluss und will es nicht schaffen diesen gerecht zu verwalten. Die Wachstumsrate sei unser aller Glücksbarometer, das Bruttoinlandsprodukt ist bislang einziger Indikator für den Wohlstand einer Gesellschaft. Was dabei herauskommt, ist eine Kultur des sinnlosen Schaffens. Arbeit soll unsere Religion sein, an die wir ohne Beweise für diesen Gott zu glauben haben, und die Politik ist nicht mehr als ihr müder Schweinepriester.

Arbeit unser im Markt
Geheiligt werde dein Geber.
Dein Vertrag komme.
Dein flexibles Arbeitszeitmodell mit Sportangebot und Kinderbetreuung geschehe,
wie im Büro, so auf Urlaub.
Unser täglich Überstunde gib uns heute.
Und vergib uns unseren Fleiß,
wie auch wir vergeben unsern Kontrahenten.
Und führe uns nicht in Fehlzeiten,
sondern erlöse uns von der Muße.
Denn dein ist die Maschine
und die Karriere und die Angst
in Ewigkeit. Amen.



Die Karriere und ihr Ethos sind Methode von Institutionen und Unternehmen die Maschine in Gang zu halten. Männer und Frauen lassen sich immer wieder leicht von der Angst einfangen und verharren in einem stumpfen Bewusstsein, stellen sich ruhig und sehen sich der Ohnmacht zur mangelnden Macht über den Gebrauch des eigenen Lebens ausgeliefert.

Weil mir einfach kein Bein brechen wollte, begann ich irgendwann aus freien Stücken zu schleichen. Weil die Wege eines berufstätigen Menschen mehrheitlich aus Arbeitswegen bestehen, schlich ich also ins Büro und zurück. Und dachte so vor mich hin. Denn das geht ohne sich auf eilige Körperkoordination zu konzentrieren am besten. Umso langsamer ich ging, desto lauter und monotoner wurde die Frage: Warum? Und warum frage ich nur immer wieder, jeden Tag, sogar oder besonders, wenn ich frei oder Urlaub habe, warum? Ich bin ein Krisenkind der Generation Y (Why?). Sie haben es mir bereits in diversen gefälligen Zeitungsartikeln erklärt. Krise, Krise, Krise. Das kann doch nicht Euer Ernst sein. Und trotzdem soll ich mitmachen, wenn ich das alles gar nicht mehr verstehen kann. Schlimmer noch, ich soll es tragen und sogar retten.

Ich möchte lieber nicht.