Das Angenehme am Mafia-Prinzip | Essay | Haus Bartleby

Das Angenehme am Mafia-Prinzip

Von Anselm Lenz


Der Mezzogiorno ist keinesfalls am Ende. Er braucht auch nicht »nur noch etwas länger« oder »mehr Geld aus Brüssel!«. Süditalien funktioniert anders. Und wird nochmal ein typisch sizilianisches Grinsen grinsen über unseren typisch deutschen Export-Schlager von Staat und Fortschritt. Nämlich dann, wenn uns der Laden mal wieder zusammenkracht.

Abgesehen von der steten Furcht der Deutschen, Ihnen könne der Himmel auf den Kopf fallen, sprich, sie könnten ihrer heiligen Arbeit, ihren gemütlichen Heimen oder der Versorgung mit Bratwürsten beraubt werden, scheint uns eines doch ganz sicher: »Wir sind Export-Weltmeiser!« »Wir sind ein wirtschaftliches Power-House!« Und letztlich: »Wir haben es einfach drauf!«

Der deutsche Mangel an kultivierter Distanz zur eigenen Arbeit, die nervige Selbstdefinition über nationale Wirtschaftsleistung, und das fast manische Beharren auf der – dann ja irgendwie doch! - Überlegenheit deutschen (Staats-)Wesens macht uns seit langer Zeit zum so ziemlich unbeliebtesten Völkchen unseres Planeten.

Doch mit dem deutschen Sendungsbewusstsein kann man umgehen hier im südlichsten Süden Europas. Sizilien sieht seit 3500 Jahren allerlei stolze Imperatoren kommen - und als geschlagene Besatzer wieder gehen. Phönizier, Griechen, Karthager, Ostgoten, Byzantiner, Araber, Normannen, Staufer, Aragonesen, Spanier, Savoyen, Österreicher, Bourbonen, das Königreich Neapel und schließlich die Republik Italien gaben sich die Klinke in die Hand. Auch die Deutschen waren schon mal kurz persönlich da: beim hilflosen Versuch der Wehrmacht, die amerikanische Befreiung Palermos zu verhindern.

Unter all diesen Herrschaften hat sich eine ausgesprochen lässige Gewissheit ausgebildet: Staaten kommen und gehen, aber wir, die Leute, wir bleiben da. Wenn man als Insel in der Mitte des Mittelmeeres nicht ständig im Kriegszustand sein will, muss man sich was überlegen, wie man mit den Idioten zurechtkommt, die da in die Welt hinausrennen, um sich und ihre jeweils eigene nationale Idee (es ist natürlich immer die einzig wahre!) zu verbreiten: Man sitzt es einfach aus. Und macht sein eigenes Ding. »Cosa Nostra«, das heißt wörtlich »Unsere Sache«.

Das Angenehme am Mafia-Prinzip ist für Deutsche vollkommen unverständlich, weil es entgegen aller Prinzipien operiert, die uns so lieb und teuer sind:

- Einem »Wir sind das Volk« setzt man ein »Wir sind Bewohner dieser Insel« entgegen,
- Einem »Wir sind der Staat« hält man ein »Wir sind nicht der Staat« hin, denn das wäre einfach unsouverän, das wäre nur peinlich,
- »Der Staat muss für mich sorgen!« hält man für groben Unfug, denn der Staat hat hier noch niemanden versorgt außer die Staatsdiener,
- »Ich muss für meinen Staat kämpfen« hält man für jenen Schwachsinn, der die Nationen in den Krieg und die notwendig folgende Niederlage treibt. Für religiöse Verblendung ist allenfalls der Vatikan zuständig. Aber von Rom hält man auch nicht allzu viel.

Nein, wenn Deutschland heute den dritten Anlauf nimmt, Europa mit seiner Weltidee von Ordnung und Arbeit zu beglücken, hält man sich in Sizilien doch lieber raus. Man schaut, was da übers Meer kommt, überprüft, ob wieder Geld, Architekten, Wissenschaftler, Künstler, Waren und Maschinen dabei sind, die geeignet wären, ein bisschen Abwechslung und Reichtum ins Land bringen; ganz so so wie sie dutzende Besatzer zuvor auf die Insel brachten (besonders cool: Araber, Normannen, Staufer). Man tut einen Teufel, die Sprachen der Skipper zu lernen (geht eh' vorbei) und sieht zu, auf dieser fruchtbaren Insel, auf der es drei Erntezeiten im Jahr gibt, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Mittags ist es irre heiß, da arbeitet man nicht. Überhaupt, eilig haben es die Anderen. Deren Eifer erledigt sich von selbst. So war es immer. Und so wird es immer bleiben.

Doch wie lebt man, wenn niemand dem Staat vertraut und das auch gar keiner anstrebt? Etwas ärmlich, aber lässig. Sobald Geld reinkommt, lässt man es untereinander zirkulieren. Ausländische Ketten gibt es kaum. Die McDonald's-Filiale im palermitanischen Hauptbahnhof, die erst seit einigen Jahren dort ist, fungiert eher als eine Wartehalle und ist wohl kaum rentabel. Die Edelketten auf der Via Libertär sind für die Gattinnen der Yachter, die den Hafen angelaufen haben und die teuren Clubs und Restaurants entlang der Küste in Richtung des Badeortes Mondello werden von reichen Auslandssizilianern frequentiert, die gutgehende Geschäfte im Norden, in den USA oder im reichen Libyen führen.

Auffällig ist, dass es in Sizilien kaum schreiendes Elend gibt. Anders als in Berlin, Hamburg und München, wo man innerstädtisch das Nebeneinander von irrwitzigem Reichtum und Hundeelend beobachten kann, wo zuweilen metallic-lackierte Porsche-Türen über die neurodermitischen Beine der Gescheiterten im Rinnstein geöffnet werden, ist in Sizilien kaum eine Spur von echten Obdachlosen, Alkoholikern, Manikern und anderen Opfern protestantischer Arbeitsethik zu sichten. Denn irgendwo gibt es immer etwas, wo man abkassieren oder einkehren kann. Das Land ist fruchtbar, die Kultur ist alt und reich, wobei Geld gibt es wenig. Man braucht niemals eine Heizung, und die Fähigkeit, Strom aus öffentlichen Leitungen abzuzapfen ist weit verbreitet. Es gibt nichts zu erreichen, und also wird man irgendwie das, was da ist, schon verteilen. Wer das große Geld verdienen will, verlässt das Land nach Norden, nach Deutschland oder besser gleich viel weiter, nach Amerika.

Die Angst hysterisch-staatstreuer Touristen vor der sizilianischen Mafia ist vollkommen unbegründet. Mit der »Cosa Nostra« bekommt niemand Ärger, der keine großen Geschäfte macht, solange man damit rechnet, dass »Unsere Sache« auch »Unsere Sache« bleibt. Auf Sizilien zahlen lediglich 40% der arbeitsfähigen Einwohner Steuern. Man kann sich leicht ausrechnen, wie der Rest abrechnet. Die Mafia ist einfach günstiger als der Staat. Die Polizei sieht das zumeist genauso.

Nun geht es alles andere als darum, den bewaffneten Arm der italienischen Mafia zu glorifizieren, der mit eigenem Militär und eigenen tödlichen Geheimdiensten alle Jahre wieder weltweit für Aufsehen sorgen, insbesondere in der Region von Neapel. Das Mafia-Prinzip beginnt woanders. Es beginnt damit, dass man dem Staat keinen Deut über den Weg traut, und gewohnt ist, Solidarität, Sicherheit und Altersvorsorge anders zu organisieren. Dabei spielen Verwandtschaft, Landwirtschaft, Freundschaft und eine grundsolide Solidarität zwischen Individuen eine viel größere Rolle als in Deutschland. Grundeigentum ist weit verbreitet.

Der Einfluss der Europäischen Union ist relativ neu und willkommen. Solange Geld überwiesen wird. Denn die feinen, dem Wesen nach deutschen, Strukturpläne, die irgendwelche Brüsseler durchzudrücken ab und an die Insel bereisen, werden in aller Geduldigkeit zermalmt. Das Geld kommt an, die Bauvorhaben scheitern. Die Infrastruktur ist alles in allem funktionstüchtig, aber wie fast alles auf der Insel in stetem Zerfall begriffen. Das ist normal, denn nichts ist für immer.

Wenn nun die ewige Krise als immerwährend dräuendes Unglück für kollektive Angstprojektionen importiert werden soll, so wird man hier nur müde lächeln. Was soll das sein, die Krise? Das, was man hier seit Jahrhunderten mitmacht? Nein, so billig ist ein Sizilianer nicht zu haben. Da muss schon mehr auf den Tisch gelegt werden. Für »German Angst« ist einfach kein Verständnis da. Vermutlich vollkommen zurecht, denn wenn Euro, Union und Kapital einmal zusammenstürzen, dann wird man genauso weitermachen wie bisher. Diesen Stolz hat man sich hier hart ausgesessen.

»Wenn der Deutsche beginnt, Angst zu haben, wenn sich ihm die geheimnisvolle deutsche Angst ins Gebein schleicht, dann erst erregt er Schrecken und Mitgefühl. Und gerade dann wird der Deutsche gefährlich.« (Curzio Malaparte)