Inter machinas et homines | Essay, Erfahrungsbericht | Haus Bartleby

Inter machinas et homines

Von Andi Arbeit



Gierse-Text_Zusammenfassung_02112014


Ringen musst du mit den Stoffen,
stark sie zwingen zur Gestalt


Wie ich Maschinenbauer wurde


Geworfen in eine deutsche Familie der unteren Mittelschicht; Kind fortschritts- und auch sonst gläubiger Leute, wird ein junger Mann heutzutage eher kein Geisteswissensschaftler; er wird Sozialaufstiegsingenieur. So auch ich.
Ich spielte mit LEGO, während sich meine Eltern ein kleines Haus und über die Jahre eine beachtliche Serie an Neuwagen kauften, die sie sich durch ihre Arbeit redlich verdient hatten. Knoff Hoff war meine Lieblingssendung und gute Schulnoten waren eine Grundvoraussetzung für gute Stimmung.
Eine Kleinstadtrealschule, eine Ausbildung mit Fachabitur und den Zivildienst später, war ich reif für die Fachhochschule und vollkommen orientierungslos.

Werden im Kant'schen Sinne bedeutet heute meist den Missbrauch einer Ausbildungsstätte zu allgemeinbildenden Zwecken. Den Begriff Studium Generale hatte ich an meiner ingenieurslastigen Uni im fünften Semester zum ersten Mal auf einem Aushang gesehen. So studierte ich zwölf und ein Auslandssemester Flugzeugbau, wobei ich durch persönliche Neigung und das Glück, einen wesensverwandten Kommilitonen gefunden zu haben, einige dieser Semester mit den philosophischen Klassikern verbrachte.
Zum Leidwesen meiner Familie erwuchsen mir aus dieser Lektüre zum Einen der Wunsch und die Fähigkeit, das in mich gepflanzte religiöse Gefühl herauszureißen und, fast noch schlimmer, ich stellte mir als geübter Bittsteller bald die Frage, wer mich eigentlich bezahlte.
Eine Abschätzung der von meinen Eltern geschöpften und der von ihnen verausgabten Werte förderte eine zunächst unerklärliche, große Diskrepanz zu ihren Ungunsten zu Tage. So kränkte ich das Selbstwertgefühl meines Umfelds und verwirrte mich selbst. Ein geheimnisvoller dunkler Mehrwert ergoss sich über uns, zu ihrem und meinem Profit.

Sein: Im Augenblick der Erkenntnis, dass die Wohlstandsdifferenz zwischen früheren Generationen und Heute keinen anderen Grund als die automatisierte Wertschöpfung durch Maschinen hat, wurde ich Maschinenbauer, wurde der Maschinenbau zu meiner persönlichen, auch politischen Ideologie.
Alle Gehälter und alle Produkte sind subventioniert durch sozialisierte Maschinenarbeit. Die einen indirekt, die anderen direkt. Und ich sah, dass es gut war.

Sie begreifen noch nicht, dass die Maschine der Erlöser der Menschheit ist, der Gott, der den Menschen von den sordidae artes, den schmutzigen Künsten, und der Lohnarbeit loskaufen, der Gott, der ihnen Muße und Freiheit bringen wird.
Paul Lafargue


Der Ingenieur in der Gesellschaft


Begin at the Beginning ...


Um den Einfluss des Ingenieurs auf die Gesellschaft zu erkennen, muss man sich die Zeit vor seinem vermehrten Auftreten ansehen. Neben der allgemein kürzeren Lebenserwartung lockte diese Zeit den gemeinen Pöbel mit einer sicheren Arbeitsstelle ab dem sechsten Lebensjahr und sicheren Beschäftigungsverhältnissen bis zum Tode. Weltenbummel war weit weniger touristisch als heute und zumeist mit religiös motivierter Vertreibung verbunden. Die allgemeine Bildung umfasste ein wenig krudes Latein und das Rechnen auf den Linien.
Warum ist das heute alles anders? Warum kann heute sogar ich, Kind der unteren Mittelschicht, bis zu meinem dreißigsten Lebensjahr lernen und um die Welt reisen? Warum bin ich in jeder Hinsicht überversorgt, obwohl ich bisher in meinem Leben kaum gearbeitet habe?

Seien Sie ehrlich: Möchten Sie vor 400 Jahren als Bauer oder Leibeigener, also als Teil der unteren Mittelschicht, gelebt haben? Ich denke wir sind uns einig, die grobe Tendenz der allgemeinen Lebensqualität ist steigend.


Aber bitte: Wer subventioniert unser Leben so generös?


Es gibt hier zwei Arten von Subventionen: Die indirekte Art der Subvention ist die Verbilligung aller Produkte aus industrieller Produktion. Industrielle Produktion meint hier Maschinenarbeit. Bücher beispielsweise sind heute maschinell hergestellte Massenware, während die frühen, per Hand kopierten Bücher den Wert eines Hauses erreichen konnten. Daneben hat sich die Arbeitseffizienz, also der geschöpfte Mehrwert pro Einheit menschlicher Arbeit, durch die industrielle Revolution vervielfacht. Der von Maschinen geschöpfte Mehrwert wird den am Produktionsprozess beteiligten Menschen angerechnet.

Dadurch wird ihr Gehalt direkt durch Maschinenarbeit subventioniert. Die Summe dieser Subventionen ergibt die Differenz zwischen der alten und der heutigen Lebensrealität; das ist mit der oben bereits angesprochenen sozialisierten Maschinenarbeit gemeint. Die konkreten Zusammenhänge sind gerade so kompliziert und undurchsichtig, dass sich die Meisten einbilden dürfen, sie hätten sich ihr Gehalt und ihren Konsum durch ihre Arbeit selbst verdient. Wenn dem so wäre, müssten unsere Vorfahren allerdings unglaublich faule Säcke gewesen sein. Die automatisierte Schöpfung von Mehrwert ohne menschliche Arbeit (oder mit nur sehr wenig menschlicher Arbeit) ist keine Utopie mehr. Die Versorgung des Menschen ist damit nicht mehr von seiner Arbeit abhängig.


Und was machen wir heute daraus?


Heute kann ein verschwindend geringer Bruchteil der Bevölkerung durch hochtechnologisierte Agrarwirtschaft sich und alle anderen mit Lebensmitteln versorgen, während früher der Großteil der Bevölkerung dafür malochen musste. Die Menschheit hat andere, neue Beschäftigungen gefunden und so ist der Lebensstandard gestiegen und gestiegen.
Aber wir sind an eine Grenze gestoßen, die Grenze der Überversorgung.

Wir haben alles, was wir benötigen, aber wenn wir nicht arbeiten, bekommen wir kein Gehalt und ohne Gehalt können wir nicht selbstbestimmt leben, also müssen wir arbeiten. Folglich haben wir angefangen, Produkte zu produzieren, die absichtlich schnell kaputtgehen; die geplante Obsoleszenz ist heute eine Ingenieursdisziplin. Und immer, wenn etwas kaputtgeht, können wir etwas Neues produzieren und dafür ein Gehalt bezahlen. Wenn aber die Dinge nicht schnell genug kaputtgehen, müssen wir sie aktiv zerstören und schreiben dafür Abwrackprämien aus oder machen ein neues Nachfolgemodell obligatorisch. Und alles, was wir kaputtmachen oder entwerten, können wir neu herstellen und dafür jemandem ein Gehalt zahlen. Jeder dieser Schritte geht der Erde an die Substanz; wir schürfen nach immer mehr Rohstoffen und produzieren immer mehr Abfall und Abgas. Der so genannte Waren-Vernichtungs-Feldzug.

Neben dem Waren-Vernichtungs-Feldzug gibt es in unserem Wirtschaftssystem noch eine zweite Strategie zur Schaffung neuer Arbeitsplätze. Wenn eine Bevölkerung überversorgt ist_– oder mit anderen Worten: Wenn eine Industrie überproduziert, während gleichzeitig, diktiert durch die Rahmenbedingungen, Wachstum zwingend nötig ist und Schrumpfen zum Kollaps führt, dann müssen neue Märkte erschlossen werden. Neue Märkte werden erschlossen, indem die exportierten Güter in diesen Märkten günstiger angeboten werden als die dort hergestellten.

So ist z.B. deutsches Gemüse in Afrika billiger als das dort angebaute und deutsche Maschinen konkurrieren weltweit sehr erfolgreich gegen Mitbewerber. Das ist natürlich nur möglich, wenn die Herstellungs- und Transportkosten so gering sind, dass eine zusätzliche Handelsmarge kompensiert wird. Deutschland ist ein hoch industrialisiertes Land, das dank seiner vielen Maschinen unglaublich günstig produzieren kann. Um aber Exportweltmeister zu bleiben, musste Deutschland in den vergangenen Jahren trotzdem zusätzlich die Löhne senken.


Die gesellschaftlichen Folgen unseres Maschinenmissbrauchs


Das alles ist, wenn man die Perspektive einmal ändert (Stichwort: Double-Think), eine ausgesprochen soziale Politik, denn so werden deutsche Arbeitsplätze gesichert. Indem wir uns billig machen, bleiben wir Exportweltmeister und exportieren die Arbeitslosigkeit, indem wir die anderen Märkte mit unseren Produkten überfluten, gleich mit. Wir lassen es uns ein bisschen schlechter gehen, damit es nur den anderen so richtig schlecht geht. Unsere europäische Wertegemeinschaft hat damit auf der ganzen Welt und mittlerweile auch an ihren geographischen Rändern eine Generation verloren gehen lassen; unsere Generation in Spanien, Griechenland etc. Neben dem ethischen Versagen unserer Wertegemeinschaft muss uns klar sein, dass wir mit diesen enttäuschten und sich von der europäischen Idee abwendenden Massen durch unser ganzes Berufsleben gehen werden. Und das kann uns noch ganz gewaltig aufs Butterende fallen.


Die begehrliche Entbehrlichkeit des Arbeiters


Wir lösen heute im Großen und Ganzen kaum mehr Echt-Welt-Probleme, sondern wir erschaffen uns durch aktive Zerstörung Scheinprobleme, die wir mit Scheinjobs lösen können. Und das alles nur, weil das Gehalt an die Arbeit des Einzelnen gebunden ist, obwohl die Arbeit längst von den Maschinen verrichtet wird / werden sollte.
Zur Erinnerung: Unsere Vorfahren hatten ihren deutlich geringeren Lebensstandard, nicht weil sie deutlich fauler waren; sie haben im Gegenteil deutlich länger gearbeitet, als wir es heute tun! Da der Arbeiter keine echten Probleme mehr löst, wird er als solcher entbehrlich, nur als Konsument bleibt er unentbehrlich. So könnte heute, rein technologisch gesehen, bereits ein deutlich höherer Automatisierungsgrad erreicht sein, als er tatsächlich ist.

Um dem Trend zur Automatisierung entgegenzuwirken, bekommen Firmen staatliche Subventionen, wie beispielsweise kostenlose Grundstücke, unter der Aussage, Jobs zu schaffen. Dennoch ist nicht zu übersehen, dass, wer nur noch Scheinprobleme löst, keine Verhandlungsbasis mehr hat. Der Arbeiter ist ohnmächtig im Spiel der Wirtschaft; die Gewerkschaften haben ihre Macht verloren. Mit welchem Pfund sollten sie auch wuchern? Uns bleibt eine Utopie, der Traum der Menschheit von paradiesischen Verhältnissen, die längst keine Utopie mehr sein müsste und sich nun gegen uns wendet. Die Umwandlung der Produktivkräfte in Destruktivkräfte, wie Marx sie schon vor 150 Jahren für den Kapitalismus vorhergesagt hat, ist Realität geworden.

Wenn wir das Paradies doch nur ertragen könnten, statt dass wir uns dagegen wehren.


Und nun?


Wir müssten längst eine Dienstleistungsgesellschaft sein, die nur noch das produziert, was sie benötigt und die Menschen vor allem außerhalb der Produktion beschäftigt. Während heute, aus der Not heraus Jobs schaffen zu müssen, die Verwaltungen allerorten sinnfrei aufgebläht werden, was die Prozesse glücklicherweise ineffizienter macht, ist mit der Dienstleistungsgesellschaft etwas anderes gemeint. Es sind die vielen wirklich nützlichen Tätigkeiten, die ins Ehrenamt gedrängt werden: Altenpflege, Kinderbetreuung und die Arbeit mit sozial Benachteiligten beispielsweise. Und, außerhalb des Ehrenamts, die schönen Künste. Es ist erstaunlicherweise ökonomischer all diese Dinge unzureichend zu erledigen und viele arbeitslos zu lassen.

In absehbarer Zukunft wird der Maschinenbau auch den Dienstleistungsbereich revolutionieren. Autos fahren bereits autonom, humanoide Roboter können bereits laufen und (noch mehr schlecht als recht) bedienen und den Weg weisen, bald können sie Haare schneiden. Auf längere Sicht haben wir keine Wahl. Wenn wir diese Erde nicht zu einer großen Osterinsel machen wollen, müssen wir uns zu einer Wissensgesellschaft weiterentwickeln. Wir brauchen eine Post-Wachstums-Ökonomie. Das Wunderbare ist, dass eine solche Ökonomie das Potential menschlicher Fähigkeiten sinnvoll nutzbar machte, dass wir uns den großen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Fragen stellen könnten.

Ideen dazu gibt es genug; bedingungsloses Grundeinkommen, negative Einkommenssteuer und ökologische Landwirtschaft etc. Allen diesen Ideen ist ein neues Verständnis von Eigentum und Sinn immanent; und dieses neue Verständnis zu formulieren und in die Gesellschaft zu tragen, ist die große Aufgabe unserer Zeit. Solange aber die Menschen ihre Nützlichkeit, die große Lüge ihrer Notwendigkeit, benötigen, um ihr Selbstwertgefühl zu rechtfertigen, wird diese Botschaft kaum zu vermitteln sein. Ein natürlicher Adel ist nötig, um sich selbst, trotz allem, zu ertragen und zu lieben.

Bist du ein Solcher, der einem Joche entrinnen durfte? Es gibt Manchen,
der seinen letzen Werth wegwarf als er seine Dienstbarkeit wegwarf.
Friedrich Nietzsche

Wenn Sie sich jetzt noch fragen, wer das alles bezahlen soll, fangen Sie bitte noch einmal oben an zu lesen.


Kann der Ingenieursstand helfen?


Der Ingenieursstand hat die industrielle Revolution vollbracht und Fakten geschaffen, die die Welt verändert haben wie keine andere Revolution zuvor, aber die Technik-Folgen-Abschätzung gelingt ihm seit 250 Jahren nicht. Der Ingenieur, der seine Technik als Einziger versteht, scheint im Durchschnitt ohne besonderes Interesse daran, wer seine Maschine zu welchen Zwecken benutzt. So tritt der Ingenieur auch öffentlich kaum in Erscheinung, schon gar nicht in Talkrunden als Experte. Woher aber kommt dieses Desinteresse oder warum sammeln sich sozial und politisch Desinteressierte im Ingenieursstand?

Zum einen sucht sich bekanntlich jede Fliege ihren Haufen und so auch der geborene Tüftler seinen Beruf. Zum anderen rekrutiert sich der Ingenieursnachwuchs, die Lehrlinge der schmutzigen Kunst, zu großen Teilen aus der unteren Mittelschicht („Junge, mach was aus dir ...“), die mit „denen da oben“ nicht viel anzufangen weiß und in der die Sensibilisierung für soziale und politische Fragen nicht natürlicherweise zur Erziehung gehört. Also rechnet mit den Ingenieuren und den Wundern, die sie noch erschaffen werden. Aber zählt nicht auf sie!


Was uns bleibt


Analyse


Wie die Dinge nun einmal liegen, müssen wir uns einige unbequeme Fragen stellen. Wird die Menschheit aufhören Öl zu verbrennen, solange es noch einen Tropfen auf der Erde gibt? Werden die internationalen Konflikte um Rohstoffe und Trinkwasser in Zukunft wieder abnehmen? Wird das sich radikalisierende kapitalistische System, in dem wir leben, in Zukunft menschliche Härten abbauen und den Menschen die Möglichkeit zu würdiger und sinnvoller Tätigkeit geben? Wird unsere Generation die internationale Solidarität in einer sinnvollen Form umsetzen können? Wird uns ein lieber Gott auf grüne Auen führen? Nö.

Es scheint, als wenn das Kapital
In seiner Gier und alledem
Wie eine Seuche, sich total
Unaufhaltsam, trotz alledem
Über unseren Planeten legt
Überwältigt und beiseite fegt
Was sich ihm nicht freiwillig
Unterwerfen will trotz alledem

Hannes Wader

Mögliche Antworten


Da nichts zu der Hoffnung Anlass gibt, unsere Generation könnte einen neuen, einen humanistischen Sozialismus erfinden und etablieren, bleibt die Frage, was der Einzelne tun kann und tun muss. Die folgenden Gedanken dienen mir als Leitfaden für die anstehenden Entscheidungen:

Kein Mensch hat das Recht, sich selbst zum Opfer zu machen. Wir sind, im Gegensatz zu vielen anderen Menschen auf dieser Welt, nicht in die Opferrolle geboren worden; wir haben Optionen, wenn wir sie uns nicht selbst verbauen. Außer der emotionalen Freiheit, der Ataraxie, kann jede andere Freiheit durch das Erlernen des jeweils notwendigen Handwerks erreicht werden. Die Freiheit in der Lebensplanung endet für uns zumeist an ökonomischen Grenzen. Diese Freiheit muss erkämpft werden und dazu müssen im ersten Schritt die politische und gesellschaftliche Realität analysiert, die Zukunft abgeschätzt und im zweiten Schritt dann entsprechende Entscheidungen getroffen werden.

Selbstverwirklichung ist die Kür und nicht die Pflicht; die muss vorher kommen. Wer weiß, was er will, muss trotzdem noch prüfen, ob er es unter den gegebenen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen umsetzen kann. Kann ich es mir leisten eine brotlose Kunst zu erlernen? Die meisten können es nicht und wer es doch tut, muss sich hinterher nicht über seine Brotlosigkeit wundern. Wir leben nicht mehr in der sozialen Marktwirtschaft, wir leben im Kapitalismus.

Zeitloses Wissen und die Fähigkeit, Echt-Welt-Probleme zu lösen, sind gute Voraussetzungen, Entsprechend dem Wunsch der Industrien nach ideal verwertbaren Hochschulabsolventen werden mehr und mehr hochspezialisierte Studiengänge angeboten. Das Interesse der Studenten muss aber eine solide, breite Basis sein, die sie für viele Aufgaben qualifiziert und ihnen damit ein Stück Unabhängigkeit von Arbeitgebern und Moden gibt.

Gleichzeitig vergrößert sich unsere Freiheit in dem Maße, in welchem wir weniger von der Wirtschaft abhängig machen, in dem Maße, in dem wir unseren Konsum auf allen Ebenen sinnvoll reduzieren. Wenn der Weg der klassischen Karriere unsinnig geworden ist, muss ich andere Netzwerke aufbauen. Wenn die Rente nicht mehr sicher ist, muss ich anders vorsorgen. Wenn sinnvoller Konsum kaum mehr möglich ist, muss ich lernen, Dinge zu reparieren und wie Allmenden funktionieren.

Niemand hat das Recht, aus ökonomischen Zwängen wider die eigene Ethik zu handeln, zum Jobholder, wie ihn Hannah Arendt demaskiert hat, zu werden. Wer sein Leben mit der heißen Nadel strickt, wer Verantwortung übernimmt, der er nur unter idealen Randbedingungen nachkommen kann, der wird sich früher oder später in eine Situation manövriert haben, die ihn zwingt, wider seine Ethik zu handeln. Bio muss man sich ja auch erst mal leisten können und Rüstung ist ja eigentlich auch ein guter Job.

Im extremsten Fall, im totalitären System, wenn es kein Richtiges im Falschen mehr gibt, muss man wenigstens noch fähig sein auszusteigen, wenn man schon nicht in den Widerstand gehen kann. Da die Gefahr, dass sich ein politisches System radikalisiert, immer latent besteht, ist die Fähigkeit zum Ausstieg eine Bürgerpflicht. Weltbürgertum, ein internationales Netzwerk und berufliche Qualifizierungen, die einen Neuanfang im Ausland möglich machen, sind nicht nur sinnvolles Werkzeug, sondern, auch falls man sie niemals benötigen sollte, persönlich bereichernd.

Die Mitgestaltung des öffentlichen Raums – das politische Handeln ist die Kür aber nicht die Pflicht des Bürgers. Das politische Handwerk zu erlernen, gibt jedem die Möglichkeit, unsere Welt an entscheidender Stelle zu verändern. Dabei kann der Raum, den man gestalten möchte und kann, durchaus ein kleiner sein. Sich lokal zu organisieren, verändert zwar nicht die Welt entscheidend, aber das eigene Leben sehr wohl. Es braucht neue Utopisten und mutige Realpolitiker, Allmenden und Tauschgemeinschaften. Der Unterschied zwischen Wissen und Können ist das Üben.


Die Lebensrealität junger Ingenieure


Zu guter Letzt möchte ich, als junger Ingenieur und Doktorand, über die aktuelle Situation in diesem Berufsstand berichten. Ich bin mir dabei bewusst, dass andere Berufsgruppen bereits weit mehr im Würgegriff der Destruktivkräfte unserer Zeit gefangen sind und möchte deshalb nicht unnötig viel klagen. Dem Geneigten kann ich ein Studium der Ingenieurswissenschaften durchaus empfehlen. Es qualifiziert für viele, auch einige sinnvolle, Tätigkeiten und scheint mir ein wichtiger Teil einer umfassenden Allgemeinbildung zu sein.

Nun zu uns:


Studium: Dass die Physik und die Ingenieurswissenschaften die höchsten Abbrecherquoten haben, ist nicht verwunderlich; die Anforderungen an die Studenten sind fachspezifisch hoch bis hirnrissig. Die Regelstudienzeit an meiner Hochschule war sieben Semester, die durchschnittliche 14,2. Der hohe Leistungsdruck im Studium und die hohen Kosten durch die lange Studienzeit machen ein geregeltes Leben nahezu unmöglich. Mußezeit für allgemeine Bildung ist im Ingenieursstudium schlicht nicht vorgesehen.

Soll es nicht einen Fachkräftemangel geben? Hat man uns nicht gesagt, dass wir als die Macher uns keine Sorgen um unsere Zukunft machen müssen? Haben wir nicht die besten Voraussetzungen für ein Leben in Sicherheit und beschaulichem Wohlstand?

Haben wir etwa keine Lohnstagnation seit etlichen Jahren? Schon, aber nur bei den alten Angestellten. Die jungen werden zunehmend über Supplier mit hoher Fluktuation eingestellt – mit deutlich geringeren Löhnen und natürlich befristet. Im öffentlichen Dienst war die Umstellung von BAT auf TVL für technische und wissenschaftliche Angestellte eine saftige Lohnkürzung. Der VDI, die Interessenvertretung der deutschen Ingenieure, fordert die Absenkung der Einstiegsgehälter um ca. 25%, um den deutschen Ingenieur konkurrenzfähig gegen den asiatischen zu machen. Der wissenschaftliche Mittelbau wurde im Rahmen der Bologna Reform de facto abgeschaltet, was die Industrie zur alternativlosen Superchance für alle jungen Naturwissenschaftler und Ingenieure macht.

Auch für Ingenieure gilt: Wer mehr vom Leben verlangt als einen großen, flachen Fernseher und ein Auto, ist schon gefährlich unangepasst.



Andi Arbeit (Name geändert) ist Maschinenbauingenieur in Deutschland und hat sich mit dem Haus Bartleby in Verbindung gesetzt, um sich auszutauschen und ein mitwirkender Teil der Lobby zu werden. Er nahm sich Zeit und verfasste diesen bereichernden Text. Wir freuen uns und danken.