Eine Runde im Park | Essay | Haus Bartleby

Eine Runde im Park

Aus dem Hause Bartleby


Wie soll ich Ihnen das jetzt sagen? In diesen miesen Zeiten. Als hätten wir alle nicht schon genug Probleme. Überall zwingen uns Krisen zum sparen, trauern, protestieren und festklammern. Wir haben die Krise noch im Griff, oder? Und warum dann dieses tiefe brummende Unbehagen in unseren Köpfen. Sie, die Politiker, die Wirtschaftsweisen, sogar die Journalisten im Feuilleton, berichten immer und anders das Gleiche von dem guten Leben einer starken Gesellschaft mit bombigem Wachstum. Immer wieder nennen sie uns »wir«, ob in guten oder in schlechten Zeiten. Wir wachsen ja, äh unsere Wirtschaft. Wir schaffen das. Aber was eigentlich? Haben »sie« überhaupt eine Ahnung, was »wir« sind und brauchen, wenn sie von der Überwindung von Krise A bis Z erzählen? Fakt ist: Sie brauchen uns! Nur wenn wir immer mehr wollen, immer mehr schaffen, von dem Glaube an Karriere, Wohlstand und finanzieller Sicherheit angetrieben, immer schön fleißig weiterdrehen in der Maschine, besteht Hoffnung. So lautet zumindest seit der Industrialisierung das Versprechen. Seit Ende des Kommunismus feierte der Kapitalismus ein Fest mit allen Extras, das immer exklusiver wurde. Mittlerweile dürfen nur noch wenige kommen. Der Rest, die vielen, halten den Laden am Laufen. So ist zumindest das Gefühl. Für ein Dach über dem Kopf, das narkotische Bierchen oder Weinchen am Abend und den üblichen Konsum, der sich nicht am Bedarf sondern »haben wollen« misst, gehen wir mehr oder weniger jeden Tag einem geregelten Berufsalltag nach. Bloß nicht stillstehen, immer schön weiterdrehen in der Rotation einer behebigen alten Maschine. Höre nur ich es knarzen und ächzen? Gehört das so? Sie sagen uns, man müsse nur an einigen Schrauben drehen, dann laufe alles wieder rund. Gehen wir dann plötzlich wieder gern zur Arbeit, weil sich dann plötzlich wieder alles ganz sinnvoll und notwendig anfühlt? Und die Motivation, der Eifer und Fleiß ganz natürlich aus uns selbst heraus sprudelt, weil wir das Gefühl haben die Arbeit ist Teil unseres guten Lebens?

Denn momentan fühlt sich Arbeit allzu mies an. Denn sie ist ein Vertrag mit der Gesellschaft, dem Staat und der Wirtschaft, die unseren Wohlstand zwar seit Jahrzehnten in kryptischen Zahlen beschwört, doch wirklich spüren tun wir davon nichts. Schlimmer noch, wir spüren uns mittlerweile selbst nicht mehr, weil die Ideologie hauptsache sich nützlich zu machen, Geld zu verdienen, um es innerhalb eines Monats wieder auszugeben, sich in unsere Gehirne gefressen hat. Generation für Generation ist mittlerweile schon der Religion der Arbeit, dem frohen Schaffen verfallen. Meine, die zwischen ab 1980 geborenen, fühlt sich jedoch von den alten Mantren so verarscht wie keine vor ihr. Denn niemand fragt so laut nach dem »Warum«?

Und tatsächlich, warum arbeiten wir, wollen gar vorankommen und Karriere machen, wenn sich doch kein Versprechen im Diesseits einlöst. Denn eins ist mal klar, auf das Paradies wollen wir nicht warten. In unserer Berufswelt verlagert sich ein Elend in ein neues Elend. Während sich die Alten nochmal kräftig auscashen lassen, dürfen die Jungen in befristeten Arbeitsverträgen Einsatz zeigen und sollen noch dankbar sein. Von Praktikum über Zeitvertrag zur freien Mitarbeit im »spannenden« Projekt lässt man sich aussaugen, um am Ende eine »Chance« mehr genutzt zu haben und sich die leere Hülle wieder mühsam mit einem Abenteuer-Urlaub oder Bungee-Jump wiederzubeleben. Nicht, dass das nur anstrengend wäre und die Unternehmen mittlerweile versuchen der Erschöpfung ihrer jungen Leistungsträger mit Sabbatical, Home-Office und Kicker-Tisch zu entkommen, es ist vor allem in den allermeisten Jobs vollkommen sinnlos geworden. Der Lohn auf dem Konto ist ohnehin lächerlich, also geht es allein um Selbstverwirklichung, Selbsterhalt und damit die Berechtigung von ewiger Arbeit. Die alten Versprechungen wie Sicherheit, Wohlstand, eine gute Rente, die mal reicht, Maschinen, die uns weniger arbeiten lassen, wurden längst abgeschafft. Die Arbeit um ihrer selbst willen, um die Renten der Alten zu finanzieren, den Laden am laufen zu halten und vor allem die Ideologie, wer nicht arbeitet, nützt auch nichts, bestimmen uns. Arbeit als Existenzberechtigung. Mehr ist nicht mehr vorgesehen. Ein mörderischer Kreislauf. Im perfiden Gewand der Selbstverwirklichung lässt es sich wunderbar zu Tode schuften. Stimmt, wir müssen alle sterben. Doch für die allermeisten stellt sich die Frage, wie man seine kostbare Zeit auf Erden am besten verbringen möchte. Am Sterbebett wird zumindest doch niemand sagen, dass man doch besser noch ein paar Stunden länger im Büro verbracht hätte. Die Sinnfrage, so abgekaut das klingt, ist da leider unumgänglich. Und keine Generation, wie die heutige junge, stellt sie so vehement, laut und so früh in ihrer beruflichen Laufbahn.

Was tun? Nichts. Im wörtlichen Sinne. Das System ist nicht abzuschaffen, sondern so weit es geht zu ignorieren. Einfach nicht mehr mitmachen, ist der einzige Weg ohne Revolution. Denn das soll bezüglich dieses zum Modeworts verkommenen T-Shirt-Schriftzug gesagt sein: Revolution ist immer blutig und würde uns Jahre, wenn nicht Jahrzehnte unseres Lebens kosten. Wenn wir nicht sogar selbst dabei umkommen. Wie meine ich das also mit dem Nichts? Erfasst sie das blanke Grauen, wenn sie an eine Zeit purer Langeweile und ganz und gar ohne feste Arbeitszeiten denken, ist das Haus Bartleby kein Ort für Sie.