SAG ALLES AB! | Haus Bartleby

SAG ALLES AB!

Von Hanna Mittelstädt

Buchpremiere mit dem Haus Bartleby, 19.9.2015 in Berlin, Eröffnungsrede

Edition Nautilus

Die Parole des Pariser Mai 68 „Ne travaillez jamais“ (Arbeitet nie!) hängt seit 1972 über meinem Schreibtisch, es ist ein Siebdruck aus einer politisierten Künstlerkommune in Bordeaux, die diese Plakate 1968 verklebt hat. Und einer von ihnen, der älteste, kam 1971 nach Hamburg und wurde einer der drei Verlagsgründer der Edition Nautilus. Er war in der Hinsicht vielleicht der strikteste von uns Dreien, im Hinblick auf Verweigerung. Verweigerung zu funktionieren, sich an ein System anzupassen, sei es konventioneller oder ökonomischer Art. Er lebte fast ohne Geld, bestand auf seiner Langsamkeit, seinem Eigensinn. Er fuhr eine klapprige Ente (einen 2 CV), von der man nie wusste, ob sie die 30 km-Strecke von Hamburg-Zentrum nach Hamburg-Bergedorf, wo der Verlag untergekommen war, schaffen würde, sei es, weil das Geld zum Tanken nicht gereicht hatte, sei es, weil notwendige Reparaturen nicht gemacht wurden. Die Verachtung gegenüber dem Kapitalismus schloss auch die Verachtung seiner Maschinen ein. Natürlich wollten wir uns ihren Regeln nicht unterwerfen!

Seine Leichtfertigkeit, seine Sturheit und sein betont fröhliches Nicht-Funktionieren konnte einen auf die Palme bringen. Er brauchte nichts abzusagen, er hatte sich bereits grundlegend verweigert. Er lebte nach seinem Rhythmus und seinen eigenen Regeln, die Reibungsflächen mit den ökonomischen Erfordernissen waren gering. Er war damals nah daran, von sich sagen zu können, ich bin heute schon Idiot, das muss ich mir nicht für morgen vornehmen – um einen Buchtitel von Hans Christian Dany aus unserer Flugschriften-Reihe abzuwandeln.

Natürlich hatte er keinen Buchverlag machen wollen und können, und im übrigen hatte keiner von uns das gekonnt, und eigentlich wollten wir es zunächst auch gar nicht. Aber er war unser Füllhorn, was Literatur, Kunst und Geschichte betraf, und stellte als Franzose einer Vorkriegsgeneration für uns Nachkriegskinder die Verbindung zu dem geistigen Reichtum her, der durch Krieg und Faschismus in Deutschland besonders stark verschüttet war. Er war Verweigerer, aber er traute sich und UNS, d.h. einer wie auch immer gearteten mehr oder weniger zahlreichen Gemeinschaft, ALLES zu. Los geht’s, wir fangen einfach an, war sein Credo. Die verschiedenen Leidenschaften, Kenntnisse, Genüsse, Fertigkeiten würden etwas Neues zusammen setzen, aus den Einzelnen mit ihren Mängeln, Trägheiten, ihrem Ungenügen und ihrer Mutlosigkeit würde mit einer gemeinschaftlichen Lust etwas Neues, etwas Begeisterndes entstehen. Etwas, das alle größer machte. Er hatte recht! Er heißt Pierre Gallissaires, hat ein Leben lang übersetzt, ohne jemals einen Computer zu benutzen, und schreibt nun, mit über 80 Jahren, nur noch Poesie.

Ein großer Verweigerer war auch der zweite Verlagsgründer, Lutz Schulenburg. Er war Schulverweigerer, Prüfungsverweigerer, Kriegsdienstverweigerer, Berufsverweigerer, Familienverweigerer, Konsumverweigerer … und manches mehr … Als er und Pierre sich bei den Hamburger Anarchisten trafen, wurde aus den beiden Verweigerern eine produktive Zelle. Sie setzten umgehend eine Zeitschrift in Gang, mit der sie in die Diskussion unter den Genossen intervenierten, die sie erweitern und vergrößern wollten. Der unendliche Wärmestrom der Geschichte der Freiheit und der Befreiungen sollte im Anarchokeller im Hamburger Karolinenviertel die Ideen anheizen. Sie waren eine wichtige Produktivkraft, die beiden Verweigerer, und mussten doch hinnehmen, dass die schneidende Militanz von bewaffneten Perspektiven und die ideologische Verbohrtheit des Denkens in Freund und Feind, links und rechts sowie die Zerrüttung durch die Drogenszene die offenen, nicht-hierarchischen, wissbegierigen und veränderungswilligen Strukturen schwächten und sogar zerstörten.

Da gehörte ich auch schon zu der Produktiven Zelle. Ich hatte eigentlich nur mein Studium verweigert, und eine Karriere … klar, das war nichts, was ich wollte. Der Mai 68 steckte uns in den Knochen, der Aufstand war da gewesen und mit ihm eine tiefe Ablehnung des „Systems“, was auch immer das genau war. Unsere Ablehnung war impulsiv und intuitiv, nicht intellektuell. Sie eigenete sich ihr Wissen erst Schritt für Schritt an. Was uns klar war, nicht nur uns Dreien, sondern eigentlich allen, mit denen wir zu tun hatten, war, dass wir die kapitalistische Arbeitswelt ablehnten, die Reduzierung auf ein Funktionieren an oder in einer Maschine, dass die angebotenen Rollen und Identitäten dieser Gesellschaft uns zu eng waren. Wir wollten etwas anderes.

Ich verliebte mich in den einen aus dieser Produktiven Zelle und war umgehend fasziniert davon, was man zusammen machen konnte, wenn man sich traute. Ich lernte, mich zu trauen. Ich lernte, in temporären Gemeinschaften zu arbeiten, zu leben, sie mit anderen zu bauen und zu gestalten - und mich in ihnen zu behaupten.

Zum Verweigern kam ich meistens nicht: meinen VW-Käfer, später einen Lada-Kombi, beide in orangerot, beide minimal, aber doch regelmäßig gepflegt, fuhr ich zigtausende von Kilometern zu all den Treffen mit Genossen, Autoren, Kollegen, Versammlungen unseres Netzwerks. Meine Fertigkeit, 10 Finger blind auf der Schreibmaschine zu schreiben, war ein rasanter Fortschritt für die Herstellung der Druckvorlagen, und für die Beschaffung und das gemäßigte Ausgeben von Geld war eigentlich auch nur ich geeignet.

Das war keineswegs immer lustig. Ich musste ziemlich viel zusagen und dann auch einhalten, und verfluchte dann die Verweigerer, die sich so schwer taten mit den Zusagen und diese oft genug bespöttelten, diese Reste aus der „Alten Welt“, und die es trotzdem doch toll fanden, so ein stabiles und nachdrückliches Instrument wie einen Buchverlag bespielen zu können.
Wenn man alles absagt, steht erst einmal „Alles auf Null“ (ein weiteres Buch aus dieser Reihe, von Niels Boeing). Das ist ein guter Ausgangspunkt. Wenn aber „Alles auf Null“ steht, ist die Frage, was dann?! WAS dann und WIE dann. Das scheint mir die eigentliche Frage und die eigentliche Herausforderung zu sein.

Wie finden wir uns zusammen, um zu entscheiden, was wir tun wollen? Denn, das hatte ich gelernt, der erste und wichtigste Schritt für eine Veränderung ist der Schritt in ein WIR, ein WIR, das wachsen kann, sich verändern kann, geschmeidig bleibt. Kein Egotrip, kein Palast der Revolution …

Die zwei wichtigsten Eckpunkte unserer damaligen Revolte, und damit auch der Gründungsgeneration der Edition Nautilus, waren die spanische Revolution von 1936 und der Rat zur Aufrechterhaltung der Besetzungen in Paris von 1968. Das waren zwei große kollektive Versuche, alles anzufangen:

Über die Spanische Revolution schrieb unser Autor Carlos Semprun-Maura 1977: „Jawohl, man kann von einer „wilden Demokratie“ sprechen (wie von einem „wilden Streik“), um das neue gesellschaftliche Leben zu kennzeichnen, das von den bewaffneten Arbeitern in Katalonien eingeführt wurde, und aus der eine gesellschaftliche Organisationsform des Typs einer Räteföderation hätte entstehen können … 70 % der Betriebe waren kollektiviert, es gab zahlreiche
landwirtschaftliche Kommunen, Arbeitermilizen, die alten Polizeikräfte waren liquidiert, es gab revolutionäre Komitees in den Betrieben, Vierteln, Städten und Dörfern, eine antiautoritäre „neue Geistesverfassung“, Umwälzungen im alltäglichen Leben und in der Lage der Frauen usw.“

Und für René Viénet, Situationist und Wütender, ist die Bewegung der Besetzungen (im Mai 68) der „Auftakt zu einer neuen Epoche … Sie muss noch anspruchsvoller werden, ausgehend von der Position der Stärke, die die Geschichte ihr gibt. Nichts weniger als die internationale Macht der Arbeiterräte kann sie zufrieden stellen ...“

Wie schaffen wir es also hier und heute, mit einer „wilden Demokratie“ zu beginnen und in eine gesellschaftliche Organisation in Form einer Räteföderation überzuleiten?
In „Alles auf Null“ formuliert Niels Boeing Parolen, die für das Anfangen wichtig sind:

Opposition ist nicht genug
Eine Massenproduktion von Taten entwickeln
Quartiersräte gründen
Know-how entwenden und verschenken
Das Geld aus dem Alltag drängen
Jede Lücke besetzen, die sich auftut
Sich nicht bestechen lassen
Und am Schluss: Wir haben nichts zu verlieren als unsere Angst vor dem Scheitern!
Also: Traut Euch! Tut Euch zusammen! Fangt alles an!