Journal

Im Auge des Betrachters

Von Mira Assmann

zappelphilipp

Was sich in diesen Zeilen aus „Zappelphilipp“ von Heinrich Hoffmann reimt und flüssig liest, klingt in der Realität eher verstimmt und lässt bitter aufstoßen. Nehmen wir einmal an, Philipp würde – repräsentativ für ca. 5 % der Kinder und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren in Deutschland, die derzeit als „betroffen“ gelten - zu einem Kinderpsychotherapeuten geschickt werden. Die Mutter hat ihm einen Termin gemacht, schließlich ist sie inzwischen zu Tische sprachlos und auch der Vater ist dafür, denn sein Missfallen findet kein Gehör bei dem Jungen. Nehmen wir also an, Philipp sowie seine Eltern und Lehrer hätten im diagnostischen Prozess zu Beginn der Therapie entsprechende Selbst- und Fremdbeurteilungsbögen ausgefüllt. Der Psychotherapeut hätte diese nach bestem Wissen und Gewissen mithilfe der Auswertungsmanuale und Zahlen der so genannten Normstichprobe ausgewertet und würde nun das Ergebnis verkünden, Philipp habe ADHS. Weiterlesen ...

Die totale Verflüssigung:
»Share Economy« als Wahn, Wille und Vorstellung

von Anselm Lenz


Der beliebte Begriff vom »Teilen« wird in der neoliberalen Kampfsprache für das Gegenteil missbraucht. Über die Pervertierung »Digitaler Revolutionen« im Gewand des »Sharings«.

HB_Totale_Verfluessigung

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Do the Deathbed Test

Von Martin Nevoigt


Christian arbeitet in einer Führungsposition für eine Softwarefirma. Er hat ein eigenes ausladendes Büro, von dem aus er den Blick über die Innenstadt schweifen lassen kann. Von seinem Verdienst können er und sein Partner sich eine schicke Doppelhaushälfte in einer teuren Wohngegend leisten, mit perfekt abgestimmten Möbeln und einem kleinen Garten. Sein Job erlaubt ihm mehrere Urlaubsreisen im Jahr, die er nutzt, um zu den ausgefallensten Orten der Welt zu reisen. Christian sitzt nicht selten an seinem Schreibtisch und fühlt sich wie gelähmt. Er kommt sich dabei albern und verwöhnt vor, denn er hat doch alles. Manchmal legt Christian den Kopf auf den Tisch und weint leise vor sich hin. Weiterlesen ...

Inter machinas et homines

Von Andi Arbeit

Geworfen in eine deutsche Familie der unteren Mittelschicht; Kind fortschritts- und auch sonst gläubiger Leute, wird ein junger Mann heutzutage eher kein Geisteswissensschaftler; er wird Sozialaufstiegsingenieur. So auch ich. Ich spielte mit LEGO, während sich meine Eltern ein kleines Haus und über die Jahre eine beachtliche Serie an Neuwagen kauften, die sie sich durch ihre Arbeit redlich verdient hatten. Knoff Hoff war meine Lieblingssendung und gute Schulnoten waren eine Grundvoraussetzung für gute Stimmung. Eine Kleinstadtrealschule, eine Ausbildung mit Fachabitur und den Zivildienst später, war ich reif für die Fachhochschule und vollkommen orientierungslos.
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Das Angenehme am Mafia-Prinzip

Von Anselm Lenz


Der Mezzogiorno ist keinesfalls am Ende. Er braucht auch nicht »nur noch etwas länger« oder »mehr Geld aus Brüssel!«. Süditalien funktioniert anders. Und wird nochmal ein typisch sizilianisches Grinsen grinsen über unseren typisch deutschen Export-Schlager von Staat und Fortschritt. Nämlich dann, wenn uns der Laden mal wieder zusammenkracht. Weiterlesen ...

Karriere unser

Von Alix Faßmann


Herzlichen Glückwunsch! Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Beinbruch! Ein gerissenes Band am Knöchel oder einfach nur eine üble Zerrung tun es auch. Die Schmerzen werden schnell vergehen. Denn von nun an wird Ihnen jeder Schwung an den Gehhilfen wie ein Ereignis vorkommen. Denn das ist es. Glauben Sie mir. Sie glauben doch sonst so leicht und schnell. Oder wissen Sie eigentlich gar nicht mehr, woran es sich noch zu glauben lohnt. Na ja, zur Arbeit können Sie in Ihrem Zustand zumindest nicht humpeln. Das wäre nun wirklich unmenschlich. Sie funktionieren gerade nicht mehr. Das Schicksal hat Ihnen einen Knüppel zwischen die Beine geworfen. Ob Sie wollten oder nicht, jetzt ist die Gelegenheit endlich Ihrem Sein auf die Schliche zu kommen. Es bleibt Ihnen nichts anderes übrig. Sie sind zu langsam für die hetzende Routine da draußen. Weiterlesen ...

Muße und Müßiggang

Von Friedrich Nietzsche


Man schämt sich jetzt schon der Ruhe; das lange Nachsinnen macht beinahe Gewissensbisse. Man denkt mit der Uhr in der Hand, wie man zu Mittag isst, das Auge auf das Börsenblatt gerichtet, — man lebt, wie Einer, der fortwährend Etwas "versäumen könnte". "Lieber irgend Etwas tun, als Nichts" — auch dieser Grundsatz ist eine Schnur, um aller Bildung und allem höheren Geschmack den Garaus zu machen. Weiterlesen ...

Frage? Gegenfrage!

Aus dem Hause Bartleby



Stellen Sie sich vor, Sie haben gegen alle Widerstände und jeden noch so angepassten Ratschlag eine Entscheidung gefällt. Ein Kampf war das, aber Sie sind raus. Zumindest die Entscheidung steht, also die, dass man hier in dieser Form und für diesen Preis nicht mehr mitmachen will, etwas Neues sucht, schon in Anteilen gefunden hat, aber solange weiter danach suchen will, bis sich wirklich wirklich wirklich etwas verändert hat. Doch sollte die Variante eines Erdlochs oder einer Kommune in der Einöde nicht Ihr Fall sein, weil Sie wollen ja hier und jetzt etwas verändern, werden Sie immer wieder jemandem begegnen, der mit Ihrer Haltung nichts am Hut hat. Dann kommen die Fragen, die jeder Abtrünnige kennt und hasst. Weniger weil sie nerven, sondern weil sie einen auf die Probe stellen. Und wer hat nicht schon die Erfahrung gemacht, im entscheidenden Moment, keine passende Antwort parat zu haben.

Hier nun ein Katalog mit Fragen und den entsprechenden Gegenfragen, die nicht sie ins Wanken bringen, sondern Ihr neugieriges Gegenüber.
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