Nieder mit der Arbeit
September / 2014 -
Von André Thirion
Was wird nicht alles unternommen, um auf "proletarisch"
zumachen. So verwechseln nicht wenige unserer kommunistischen Journalisten das
Gebot, eine Sprache zu sprechen, die den Arbeitern nicht nur verständlich ist,
sondern vor allem ihre Gedankenwelt wiedergibt, mit einer Art der Darstellung,
einem abstrusen Arbeiterkult, der schon auf der Ebene der Beschreibung eine
Karikatur auf die wirklichen Arbeiter ist.
Daß die Schriftsteller des
Naturalismus oftmals dazu übergegangen sind, ihre Helden den unteren Klassen zu
entnehmen, beweist nicht mehr, als daß man zu einer bestimmten Zeit den Druck
dieser Klassen verspürte. Der Glaube, durch eine schwerfällige schulmeisterliche
Beschreibung der Arbeiterexistenz dem Proletariat näherzukommen, ist die große
Utopie der zurückgebliebenen Naturalisten. Nebenbei bemerkt, sind es Ergüsse im
Stil von Pierre Hamp, durch die diese Tradition auf viele unserer
kommunistischen Schriftsteller fortwirkt. Aufgrund der Gedankenlosigkeit und der
mangelnden Kritikfähigkeit, die den Franzosen eigen sind, und ihrer Marotte,
stets das Behältnis mit dem Inhalt zu verwechseln, konnte es nicht ausbleiben,
daß man bei dieser merkwürdigen Art, sich der Arbeiterklasse anzubiedern, nur zu
den blödsinnigsten Ideen über die Arbeiter und ihre Lage gelangen konnte. Immer
und immer wieder hat man zu dem selben rustikalen Porträt angesetzt, und sich so
schließlich in das Modell verliebt.
Es vergeht kein Tag, ohne daß man
auf irgendeinen Artikel stößt, in dem die plastische Schönheit der Arbeit, der
Mühsal und, damit verbunden, ihr moralischer Wert gepriesen wird, in dem man den
Arbeiter befingert, in dem man - wie Taylor - seine Muskeln befühlt, in der
Hoffnung, ihn durch Schmeichelei und Bewunderung der zweifelhaftesten und
fragwürdigsten Art für die Sache gewinnen zu können. Sie sind voll und ganz
davon überzeugt, unsere Intellektuellen (die größtenteils nicht wissen, was
Arbeit ist), wenn sie vom "Bienenfleiß der Fabriken" oder der "harten Existenz
des Bergmanns" sprechen und die ekelhaftesten Bilder über ihre feuchten Lippen
sabbern.
*Anmekung Haus Bartleby:
André Thirion bezieht sich auf seine Zeit, in der
bürgerlich-kapitalistische Schriftsteller einerseits auf "rot" machten,
andererseits die kommunistische Kulturproduktion erheblich das Lob der
Arbeit förderte. Heute blicken wir eher über die Fratze des Computers einer
totalen Dienstleistungsgesellschaft in die hässliche Fratze. Die fatale
Ideologie vom Lob der Arbeit scheint so unantastbar wie nie zuvor - und die
Sinnlosigkeit der Tätigkeiten (idiotische Medienproduktion,
Milchkaffeesaufen, Krempel verkaufen, Kinder optimieren, Banken managen)
scheint nicht ab- sondern zugenommen zu haben. Wobei angesichts des
abnehmenden Wohlstandes heute noch verschärfend hinzu kommt, dass sich der
ganze Quatsch auch materiell immer weniger auszahlt.*
Man kann schon von Glück reden, wenn mal
jemand auf die scharfsinnige Idee kommt, daß (seit der "Rationalisierung") die
Anstrengung den französischen Arbeiter kaputt macht, oder das Band, z.B. bei
Citroen, ein Ort der Quälerei ist. Diese Leute sparen sich ihre Begeisterung
auf, um uns mit schönen Bildern vom "Rußland der Arbeit", wie sie es nennen, zu
versorgen. Am Ende ist man völlig perplex, den nichts ähnelt einem Hauer aus
Lens mehr als ein Hauer vom Donez, der häufig mit derselben amerikanischen
Maschine hantiert wie sein französischer Kollege. So gelangt man dazu, die UdSSR
als "Republik der Arbeit" zu bezeichnen, was ein Widersinn der reaktionärsten
Sorte ist. Darauf soll es nicht ankommen! Diese Herren meinen, auf ihre "Poesie"
keinesfalls verzichten zu können, wird doch in den russischen Fabriken der
Siebenstundentag eingeführt.
Das Lob der Arbeit ist, seit dem
Verschwinden der Sklaverei aus Westeuropa, ein alter Gedanke der herrschenden
Klassen. Der Welt einzureden, daß harte Arbeit das beste Mittel gegen Verdruß
sei, ist der eigentliche Zweck reaktionärer Moral. Damit wird kein anderes Ziel
verfolgt, als jede nicht produktive Tätigkeit der Ausgebeuteten in Mißkredit zu
bringen. Der Bourgeoisie war sehr daran gelegen, sich eine Religion
einzuverleiben, die ihren Interessen so dienlich ist. Die Arbeiten in den
kapitalistischen Fabriken adelt (oder in den Büros der Mächtigen, oder
Parteizentralen, oder ihren Theatern, oder als andere Hausbedienstete der
Großkupferten, oder als deren Friseure, oder deren Arbeitslose, oder deren
journalistische Dienstboten, oder, oder oder; Anm. HB); die alten Diener werden
belohnt; die besten Arbeiter erhalten eine Prämie, während die Arbeit immer
abstoßender geworden ist, so daß man ihr selbst die dümmste Beschäftigung
vorzieht! Eine wahrlich raffinierte Niedertracht!
Selbst von außen
erscheint es uns noch entsetzlich. Ich denke mir, daß man schon sehr wenig
Mitgefühl haben müsste, um das Schauspiel der Arbeit ohne Abscheu ertragen zu
können. Wie viele Dinge bekommt man schon zu sehen, die so hässlich und zugleich
so deprimierend sind? Und noch ein Schlag mit der Spitzhacke! Der Schweiß klebt
ihm das Hemd auf den Rücken, diesem Straßenarbeiter - ein Gefühl, das immer
unangenehm ist. Achtet darauf, daß er so wenig wie möglich tut und mit welch
einem Ausdruck von Niedergeschlagenheit! Gäbe es nicht das Bistro an der Ecke,
die Schaufel könnte lange unberührt auf der Schubkarre liegen bleiben. Ist das
Loch erst einmal gegraben, wird er es wieder zuschütten. Und die ganze Zeit
gehen, unentschlossen, hübsche Frauen vorüber. Dann wird er eine Straße weiter
wieder ein neues Loch ausheben.
Seht, wie sie von ihrer Arbeitsstätte
kommen, der Kuli, der 12 Stunden am Tag in Shanghau arbeitet, der Hilfsarbeiter,
der gerade eine 9-Stunden-Schicht in den Javel-Fabriken hinter sich gebracht
hat, und vergleicht ihren schleppenden Gang mit dem leichten Schritt des
Müßiggängers. Sie haben nur noch einen Gedanken: nach Hause gehen und schlafen.
Wundert euch, daß die Arbeiter noch Kinder machen, haben sie doch so wenig Zeit
dazu! Der Stumpfsinn, der öde Stumpfsinn, weicht nicht mehr von ihnen. So glaubt
man, ihre Revolte zu betäuben. Ich spreche hier wohlgemerkt nicht vom Schmutz,
vom Gestank, die mit der Arbeit untrennbar verbunden sind. (Das war eben ein
ganz wichtiger Punkt, liebe Leserin!; Anm. HB) Darauf kommt es in Frankreich
nicht so an...
Das ist sie also, die Arbeit. Nun gut, da du dich
amüsieren willst, idiotischer Kleinbürger (oder Großbürger), den eine
unbegreifliche Neugier diesem Ziel zustreben lässt (mit jenem Ausdruck
dümmlichen Erschreckens, der dir so gut zu Gesicht steht wir ein
Meerschweinchen), da du dir eine schöne Zeit machen willst - obwohl dieses
Schauspiel für dich nur den widerwärtigen Zweck hat, deine Taschen zu füllen -,
setz dich für ein paar Stunden neben den Arbeiter, der seine Tage damit
verbringt, Löcher in identische Bleche zu stanzen, oder in die Schalterhalle
einer Großbank (oder ein "Kundenzentrum" des Arbeitsamtes; Anm. HB) oder zu dem
Drucker, der inmitten der ratternden Rotationspressen diese Seite abzieht (oder
dem Programmierer, der den ganzen Tag auf endlose Zahlenkollonnen stiert, damit
der Browser dir diese Seite anzeigen kann; Anm. HB). Nur zu! Und du wirst mit
verstörtem Blick, mit einem Blinzeln in den Augen und vielleicht jenem Zittern
in den Händen, das ein Anzeichen für dementia praecox ist, wieder herauskommen.
Es wird mir ein gewisses Vergnügen bereiten, dir dabei
zuzuschauen.
Voller Selbstgefälligkeit wird jener andere Kleinbürger,
der den Saint-Just spielen möchte, Anstalten machen, jene angewiderten
Betrachter als Faulenzer und Nichtsnutze zu beschimpfen und mich auffordern, sie
bei sich zu Hause aufzusuchen, die Proleten. Das ist genau das, was ich
vorhatte, lieber Freund, ob Sie es glauben oder nicht. Aber zuvor gestatten Sie
mir, Sie darauf hinzuweisen, daß Sie keine Veranlassung haben, jene (vielleicht
sehr zutreffenden) Bezeichnungen zu verwenden, mit denen Sie, gerade eben noch,
meine Person hatten verächtlich machen wollen. Als ob von Zuschauern die Rede
wäre! Es geht um den Haß auf die Arbeit bei denen, die ihr ausgesetzt sind, weil
sie von niederer Herkunft sind, oder weil sie kein Glück haben oder weil sie
anständig sind, und vor allem bei denen, die ihr zu den schändlichsten
Bedingungen und Löhnen ausgesetzt sind: die Proletarier (das sind wir heute
nahezu alle unter 45, zumindest in Punkto Lohnniveau, Kaufkraft, Arbeitszeit und
Abhängigkeit von Kapitalisten; Anm. HB). Nirgendwo anders als bei ihnen ist
dieser Hass ausgeprägter. Ich führe als Zeugen jene jungen Arbeiter an, die im
Mai 1927 in der Firma Citroen zum ersten Mal in Streik traten. "Wir sind für den
Zwei-Stunden-Tag", sagten sie, "und wenn wir zwei Stunden arbeiten würden, wären
es immer noch zwei zuviel". Sie waren der Meinung, daß jede Beschäftigung, egal
welche, allein schon deshalb, weil sie ihnen nicht aufgezwungen wäre durch jenen
Handel, bei dem man stets den Kürzeren zieht, jener Schande, die man "seinen
Lebensunterhalt verdienen" nennt, besser wäre, als Metallflugzeuge für die Messe
zusammenzubauen. Zum Beispiel, angeln zu gehen, oder Billard zu
spielen.
Der Streik ging verloren. An dem Tag, als die Arbeit
weideraufgenommen wurde, schien, ganz zufällig, die Sonne. Viele der Arbeiter,
die die Betriebsleitung mit dem Versprechen auf eine geringfügige Lohnerhöhung
wieder anstellen wollte, zogen es vor, sich eine andere Arbeit zu suchen, um an
diesem Tag mit ihren Freundinnen durch die Wälder von Meudon zu streifen. Jetzt
haben sie eine Vorstellung davon, wie piepegal diesen Leuten die schöne Arbeit
ist und wie wenig sie sich für die Photographien von Eisenbrücken und
Weinkellern, die Nos Regards abdruckt, interessieren - so wenig wie ein Wolf für
einen Zwinger!
Man muß sich fragen, wie ein Revolutionär, oder ein
sogenannter, nicht von der Würdelosigkeit der Arbeit überzeugt sein kann. Was
sind Merksprüche wie "Arbeit ist Gesundheit" oder "Arbeit führt den Verirrten
auf den rechten Weg zurück" anderes, als moralische Formen der Unterdrückung,
die wir beseitigen müssen? Glaubt man denn, die Menschen könnten diese Sklaverei
ewig ertragen?
Das Leben zwingt uns doch schon genug zu
unaufhörlicher Anstrengung und eine der großen Wohltaten der Existenz besteht
sicherlich in der Verpflichtung zu arbeiten, um allem, egal was es ist, auch nur
die einfachste Form zu geben. Aber da wir schon bereit sind, es zu ertragen,
dieses Leben, werden wir uns immer gegen alles auflehnen, was uns dazu zwingen
will, Schluss zu machen mit ihm. Nicht anders lautet unsere Definition von Gut
und Böse. So braucht man zum Beispiel nicht lange zu suchen, um sich gezwungen
zu fühlen, einer dringlicheren Notwendigkeit als dem Nichtstun zu gehorchen und,
mit oder ohne Begeisterung, irgendeinen Dienst für die Revolution zu übernehmen.
Das sagt wohl genug darüber, in welchen Fällen wir keine Mühe scheuen. Denn es
kann nicht angehen, daß wir nicht alles zur Wahrung unserer unantastbaren Rechte
NICHT zu arbeiten aufbieten.
Indes schreibt Marx, die Arbeit sei als
"Bilderin von Gebrauchswerten, als nützliche Arbeit, eine von allen
Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen, ewige
Naturnotwendigkeit, um den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also das
menschliche Leben zu vermitteln". Na dann, wird man uns entgegenhalten, sehen
Sie mal zu, wie Sie aus diesem Widerspruch herauskommen. Wir sind Ihnen nicht
böse, werden die einen beteuern, daß Sie vor lauter Übertreibung mit der "Lehre"
in Konflikt geraten sind. Und die anderen, die Freunde der Barbaren, die "Zu
eurer Verfügung, liebe Neger", die Propheten des Orients, die verhinderten
Bettler, die verkrachten Landstreicher, alles, was sie Anarchie an Kümmerlingen
ausgebrütet hat, werden uns mit ihrem Individualismusgezeter in den Ohren
liegen.
Na schön, es wird uns ein vergnügen sein, die einen der
Ignoranz und die anderen der Dummheit zu überführen. Auch der Tod ist eine
Existenzbedingung des Menschen, und trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf,
eines Tages die Guillotine in Stücke geschlagen zu sehen. Die menschliche
Faulheit wird ständig mit Füßen getreten von der Notwendigkeit zu arbeiten, zu
dem alleinigen Zweck, die eigene Existenz aufrechtzuerhalten. Nur, daß der
Mensch, durch seine Arbeit, in der Produktion den nicht-menschlichen Kräften,
denen der Natur und der Maschinen, einen täglich größer werdenden Anteil
sichert. Der Einsatz immer leistungsfähigerer Maschinen wird es ermöglichen, die
menschliche Arbeit nach und nach zu reduzieren, bis ihr schließlich nur noch ein
äußerst geringer Teil im Leben des einzelnen zukommt. (Wir wir wissen, hat sich
diese alte Annahme nicht bewahrheitet - wir werden zu immer schlechteren und
längeren Arbeitsverhältnissen gezwungen; Anm. HB). Doch bedauerlicherweise wird
dieser Teil, wie klein auch immer er ist, eine der Abhängigkeiten darstellen,
von denen der Mensch sich niemals wird befreien können. Die Synthese wird
wahrscheinlich niemals vollkommen sein. Aber sie so weit wie möglich
voranzutreiben, ist all das Blut wert, das in Dutzenden von proletarischen
Aufständen vergossen wurde, in denen die Bourgeoisie manchmal von jenen
Arbeitern vernichtet wurde, die sie unvorsichtigerweise daran gewöhnt hatte, die
groben Arbeiten zu verrichten, und auch alles Blut, das in kommenden
Revolutionen vergossen wird. Für diese bedarf es eines intensiven Hasses, und
die Leute, die sich mit allem abfinden, werden nicht auf eurer Seite stehen.
Deshalb pfeifen wir auf alle, die sich unter dem bestehenden System schämen,
schlechte Arbeiter zu sein, die sich aufregen über die chronischen Arbeitslosen,
die Krankfeierer, die Blaumacher, jene Unzähligen, die sich dem Gesetz der
Arbeit nur unter Zwang des Hungers unterwerfen, sie können uns am ARSCH lecken,
diese Streber, angefangen mit dem jungen Bourgeois, der sich keinen Schlaf
gönnt, um das große Geld zu machen, über den Eliteschüler, der vor Übermüdung
ganz blöde im Kopf ist, bis zum beflissenen Ingenieur, zum vorbildlichen
Angestellten, dem in schwielige Hände verliebten Journalisten, sie können uns
genauso am Arsch lecken wie alle Konterrevolutionäre und ihr schäbiges Idol, DIE
ARBEIT.
Tags: Arbeit,Arbeiterklasse