Do the Deathbed Test
November / 2014 -
Von Martin Nevoigt
Christian arbeitet in einer Führungsposition für eine
Softwarefirma. Er hat ein eigenes ausladendes Büro, von dem aus er den Blick
über die Innenstadt schweifen lassen kann. Von seinem Verdienst können er und
sein Partner sich eine schicke Doppelhaushälfte in einer teuren Wohngegend
leisten, mit perfekt abgestimmten Möbeln und einem kleinen Garten. Sein Job
erlaubt ihm mehrere Urlaubsreisen im Jahr, die er nutzt, um zu den
ausgefallensten Orten der Welt zu reisen. Christian sitzt nicht selten an seinem
Schreibtisch und fühlt sich wie gelähmt. Eine innere Leere breitet sich immer
weiter aus. Er kommt sich dabei albern und verwöhnt vor, denn er hat doch alles.
Manchmal legt Christian den Kopf auf den Tisch und weint leise vor sich
hin.
Lisa dachte, ein kleiner Traum wäre wahr geworden, als sie den
Job bei der Produktionsfirma bekam. Sie hatte jahrelang versucht mit Praktika
ins Filmgeschäft einzusteigen und jetzt würde es richtig losgehen. Das Portfolio
der Firma sagte ihr sehr zu, keine billigen Formate, sondern anspruchsvolle
Kinofilme. Nach einem Jahr erkennt Lisa langsam, dass sich nur eines geändert
hat – der Verdienst. Nun bekommt sie zwar Geld für die immerwährende
Erreichbarkeit, die sehr hohen Flexibilitätserwartungen und durchgearbeiteten
Nächte. Aber ein Sozialleben mit Freunden ist kaum möglich und wenn sie doch mal
welche trifft, drehen sich die Gespräche fast ausschließlich um Probleme im Job.
Lisa sehnt sich nach der Zeit, als sie spontan Zusagen zu Einladungen machen
oder einfach mal in den Tag hinein leben konnte.
David kann von
zuhause aus arbeiten, denn in seiner Firma, einem Online-‐Shop für Elektronik,
passiert alles im Internet. Er leitet ein kleines Team, mit dem er dank Skype
problemlos von überall kommunizieren kann. Er verdient genug, um sich eine
geräumige Altbauwohnung in einem Szenebezirk leisten zu können. Doch David hasst
seinen Job. Auch nach Feierabend, wenn mal keine späte Email mehr zu beantworten
ist, kann er kaum abschalten. Ständig gibt es irgend welchen Ärger im Team, der
Chef nervt, wenn irgend welche Zahlen nicht stimmen, doch vor allem kommen David
die Arbeitsstunden als sinnlos vergeudete Zeit vor.
Diese Beispiele,
aufgegriffen aus vielen ähnlichen Berichten, stammen von Menschen, die es
eigentlich „geschafft“ haben – attraktiver Job, gutes Einkommen, hoher
Bildungsstand, viele soziale Sicherheiten und trotzdem noch recht jung. Handelt
es sich dagegen um Leute in prekären Jobs, welche kaum genug Geld zur
Existenzsicherung einbringen und dazu noch eintönig und perspektivlos sind, dann
würde wohl jeder sofort verstehen, dass solch ein Leben einiges an Qualität
vermissen lässt. Aber offenbar vermissen auch jene, die im sozialen Gefüge
weiter oben stehen etwas sehr Grundlegendes. Diese Berichte veranschaulichen
eine Misere, die so gut wie jeder durchleben muss, worüber aber offensichtlich
nur sehr wenige zu reden wagen. Die Frage lautet, was stimmt nicht in diesen
Geschichten? Was fehlt und woran liegt das? Und warum redet kaum jemand über
dieses alltägliche sich winden und irgendwie durchhalten?
Um das Feld
von hinten aufzurollen – ein Regisseur sagte einmal etwas sarkastisch in einem
Seminar: „Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg“. Soweit, so furchtbar, denn
recht hat er. Im von allen erzeugten Lichte des kommerziellen Erfolgs ist man
beliebt, wird bewundert, um Rat gefragt, beneidet und beklatscht. Man hat „es“
irgendwie geschafft, wovon alle karrieristischen Heilsversprechen handeln. Der
Umkehrschluss: Nichts ist erfolgloser als Misserfolg. Wer also darüber redet,
dass er im Job oder Alltag einfach nicht zurechtkommt, ihm etwas Grundelegendes
fehlt, wer nicht mehr so recht mitmachen mag im großen Erfolgskarussel oder
einfach nur daran verzweifelt, der erscheint plötzlich ziemlich unattraktiv,
wird im besten Fall etwas bemitleidet oder aber besser gemieden. Wer würde sich
schon mit einem erfolgsorientierten Anliegen an jemanden wenden, den er weinend
in seinem Bürosessel gesehen hat? Darunter liegt aber noch etwas anderes – eine
abgründige Angst tut sich auf, ein Spiegelbild. Man sieht im anderen die eigenen
Versagensängste, den eigenen manchmal aufkeimenden Wunsch, alles hinzuschmeißen
(doch was dann?) oder die dumpfe Ahnung, dass da etwas ganz grundsätzlich nicht
stimmt im eigenen Leben – und bevor dieses Gefühl womöglich eine klarere Gestalt
annehmen, zu Worten oder sogar Taten gereifen kann, da meidet man lieber
diejenigen, die davon etwas ausstrahlen.
Wenn man sich aber dazu
überwinden kann, diesem Gefühl einmal Raum zu geben, sich tatsächlich traut
einzugestehen, dass man einen Widerwillen spürt, eine Ohnmacht oder eine Leere,
dann kommt man meist schnell auf den Punkt, dass dieser Trott aus Arbeit - ein
bisschen Alltag – schlafen – Arbeit - ein bisschen Wochenendputz – schlafen ...
einem auf Dauer keine Erfüllung bietet. Mal angenommen, man gehört nicht zu der
Sorte Menschen, die das als narzisstischen Spleen, als Peter-Pan-Egoismus abtut,
(„So ist das nunmal, wenn man erwachsen ist, alle anderen leben ja auch recht
glücklich so“), dann steht man sofort vor einem weitaus größeren Problem: Was
zur Hölle wäre es dann, was mir Erfüllung oder zumindest einen Zustand relativer
Zufriedenheit geben kann? Was fehlt mir? Es ist erstaunlich, wie viele Menschen
darauf einfach keine Antwort geben können, sondern nur noch eine weiße
Nebelwolke vor sich sehen. Die Gründe dafür sind so schlicht wie bedrückend. Zum
Einen muss man, wie schon beschrieben, überhaupt erstmal an den Punkt kommen,
sich zu trauen, das offen zu fragen. Dafür ist ja im Alltag keine Zeit, im
Berufsleben kein Raum, es gibt schließlich dringenderes und wichtigeres zu
erledigen, jeden Tag wird die To-‐Do-‐Liste länger. Zum anderen wird einem
solch ein Denken überhaupt nicht beigebracht. Es gibt keinen gängigen Ort, wo
einem derlei vorgelebt und vermittelt wird, man einmal danach gefragt würde.
Alles, wonach wir besonders im jüngeren Alter gefragt werden, ist, was wir
später einmal arbeiten wollen. Mag diese Frage auch noch so nett und offen
gemeint sein, sie stellt klar, dass man, egal, was man später einmal tun wird,
sich gefälligst irgendwo in die kapitalistische Verwertungslogik einzureihen
hat. Natürlich fragt sie in der bürgerlich-‐demokratischen Gesellschaft auch
nach Fähigkeiten und Talenten, schließlich soll ja keiner allzu offensichtlich
unter jener Logik leiden und auch die glorreiche Work-‐Life-‐Balance darf im
neuen Kuschelkapitalismus nicht fehlen. Aber die Prämisse, unter der das
geschieht, bleibt die Gleiche. Ausnahmen, wie der „verrückte“ Künstler, der in
dieser Logik auch seinen Teil zum Funktionieren des Ganzen beiträgt, nicht
umsonst spricht man auch vom „Kunstbetrieb“, bestätigen nur die
Regel.
Wenn man sich dazu durchgerungen hat und nun vor dieser Wolke
aus dichter Ahnungslosigkeit über die eigenen tieferen Bedürfnisse steht, sich
nicht von der Angst vor diesem großen fragenden Nichts und den unabsehbaren
Konsequenzen hat abschrecken lassen, dann kann man ruhig erstmal kurz
innehalten, sich auf die Schulter klopfen und sich beglückwünschen, denn
offenbar hat man einen Bereich betreten, den noch nicht besonders viele
überhaupt entdeckt haben. Wenn man sich dann krampfhaft versucht zu erinnern,
was einen denn als Kind so richtig begeistert hat, als man noch alles im Spiel
erlernte und erforschte, bevor einem diese nervige Frage nach der späteren
identitätsstiftenden Religion Arbeit gestellt wurde, dann lichtet sich der Nebel
oft nur leicht. Man hat so eine Ahnung, so ein schönes Gefühl macht sich breit,
aber für Konkretes ist es schon zu lange her, außerdem hört man sich ständig
gegenüber den Erwachsenen sagen „Dann werd ich Feuerwehrmann“ oder welcher Beruf
eben gerade am attraktivsten wirkte. Oft schieben sich gerade diese Situationen
in die Erinnerung, weil wir sie zigmal erlebt haben, durch sie konditioniert
sind und eine Frage wie „Was möchtest du denn später einmal spielen?“ sicher nie
vorkam. Also verlassen wir die nebulösen Kindertage, nehmen das Gefühl mit, und
führen einen geistigen Befreiungsschlag aus, indem wir uns an das imaginäre Ende
unseres Lebens begeben – auf unser Totenbett. Diese Stille. (Hoffentlich wird es
dann mal still sein). Hier liegen wir nun weich gebettet und schauen auf unser
Leben zurück bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir gerade tatsächlich sind. Plötzlich
wirkt vieles, was uns eben noch groß erschien viel kleiner und anderes, was
klein und vergessen war, tritt nun in den Vordergrund. Das ist ein Moment, den
jeder mit sich selbst aushandeln muss, aber eben auch darf. Was geschieht, wenn
man diesen „Deathbed Test“ macht, ist ganz individuell verschieden und genau das
ist der Schlüssel. Auf dem echten Totenbett wird es egal sein, ob die eigenen
Bedürfnisse anderen gefallen, ob sie konträr zu den Erwartungen oder
Vorstellungen anderer laufen. Auf dem Totenbett bleibt keine Zeit mehr für die
nächste To-‐Do-‐Liste, weil es nur noch darum geht, eine ganz persönliche
Bilanz zu ziehen, nur mit sich und dem eigenen hoffentlich gut gelebten Leben.
Auf dem Totenbett wird klar und deutlich zu sehen sein, was einem im Leben
wirklich wichtig war, was man unbedingt und unter allen Umständen erleben und
erschaffen wollte – und welche Dinge dem unterzuordnen und als nicht so wichtig
einzustufen sind. Es mag auf den ersten Blick paradox und auch etwas makaber
erscheinen, aber im Angesicht des nahen Ablebens, wenn deutlich wird, dass
dieses Leben endlich und einzig ist und jedes Lebensjahr unwiderruflich zu Ende
geht, tritt der unschätzbare Wert des eigenen Lebens und der eigenen Bedürfnisse
glasklar zutage. Und macht vor allem deutlich, dass viele scheinbare Kompromisse
im Leben keine sind, wenn es darum geht ohne Angst nach der eigenen Façon
glücklich zu werden.
Aber trotz der Individualität der menschlichen
Bedürfnisse zeigt ein aktuelles Buch1 über die Selbstvorwürfe und das Bedauern
von im Sterben begriffenen Menschen sehr anschaulich, dass die Art der
Bedürfnisse, auf die es offenbar ganz grundlegend ankommt, doch bei vielen
ähnlich ist. So antwortete kein einziger auf die Frage, was sie rückblickend
denn gern anders machen würden, dass sie gern mehr gearbeitet, mehr Karriere
gemacht, gern noch mehr wirtschaftlich oder materiell erreicht hätten. Durchweg
wurde von allen konstatiert, dass man wünschte, man hätte mehr Zeit mit Familie
oder Freunden verbracht, man wäre sich selbst mehr nachgegangen, hätte
weniger gearbeitet. Was auch immer das konkret heißen mag, sich selbst
mehr nachzugehen, so wird hier doch sehr deutlich, dass offenbar etwas anderes
als materieller Reichtum im Leben zählt – ein ideeller Reichtum. Das bedeutet
nicht, dass finanzielle Sicherheit nicht generell etwas beruhigendes hat und man
sich damit auch einige Wünsche und Ziele erfüllen kann, die meist weniger mit
materiellem Besitz als mit ideellem Wert zu tun haben. Aber – und hier liegt
wohl die Fallhöhe – oft ist das, was man dafür tun muss bzw. welche Lebensweise
und Denkweise man dafür an den Tag legen muss, um beruflich so erfolgreich zu
sein, dass man tatsächlich mindestens zur (oberen) Mittelschicht gehört, ein
Preis, der zu hoch ist. Man muss sich offensichtlich so sehr „verbiegen“, so
flexibel, einsatzbereit, belastbar, erreichbar, unermüdlich motiviert sein, um
in der oktroyierten Dauerbetriebsamkeit mitmischen zu können. Etwas scheint
dabei auf der Strecke zu bleiben, etwas sehr grundlegendes, etwas, dass mit
einem tiefen menschlichen Bedürfnis, oder gleich mehreren davon, zu tun hat,
sodass man es nicht einfach wegwischen und für allzu lange Zeit ignorieren kann,
ohne irgendwann weinend hinter seinem Schreibtisch in sich zusammen zu
sacken.
Wer sich traut den Deathbed Test zu machen und daraus
tatsächlich einige Konsequenzen zieht, der kommt womöglich zu dem Schluss, dass
jeden Tag aufs Neue hinter diesem Schreibtisch auf dieser Arbeit zu sitzen und
das hoffnungslose Weinen und sich Hindurchwinden direkt miteinander
zusammenhängen – und entschließt sich womöglich, diesen Schreibtisch nie wieder
aufzusuchen.
Martin Nevoigt lebt in Berlin. Was er arbeitet oder welche
Abschlüsse er vorzuweisen hat, ändert nichts am vorliegenden Text, sondern
lediglich an seiner Rezeption. Er möchte daran mitarbeiten, dem in der
gesellschaftlichen Entwicklung kaum hinterfragten Arbeitsfetisch das
Handwerk zu legen.
Literatur: Bronnie Ware – „The Top Five Regrets Of The
Dying“ (2012)
Tags: Deathbed Test, Arbeit,
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