Von Mira Assmann

Und die Mutter blickte stumm
Auf dem ganzen
Tisch herum.
Doch der Philipp hörte nicht,
Was zu ihm der Vater
spricht.
Er gaukelt
und schaukelt,
Er trappelt
und
zappelt
Auf dem Stuhle hin und her.
Philipp, das missfällt mir
sehr!Was sich in diesen Zeilen aus „Zappelphilipp“ von
Heinrich Hoffmann reimt und flüssig liest, klingt in der Realität eher verstimmt und
lässt bitter aufstoßen. Nehmen wir einmal an, Philipp würde – repräsentativ für ca.
5 % der Kinder und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren in Deutschland, die
derzeit als „betroffen“ gelten - zu einem Kinderpsychotherapeuten geschickt werden.
Die Mutter hat ihm einen Termin gemacht, schließlich ist sie inzwischen zu Tische
sprachlos und auch der Vater ist dafür, denn sein Missfallen findet kein Gehör bei
dem Jungen. Nehmen wir also an, Philipp sowie seine Eltern und Lehrer hätten im
diagnostischen Prozess zu Beginn der Therapie entsprechende Selbst- und
Fremdbeurteilungsbögen ausgefüllt. Der Psychotherapeut hätte diese nach bestem
Wissen und Gewissen mithilfe der Auswertungsmanuale und Zahlen der so genannten
Normstichprobe ausgewertet und würde nun das Ergebnis verkünden, Philipp habe ADHS.
In Langform bedeutet das, er würde ihm eine Aufmerksamkeitsdefizit-/
Hyperaktivitätsstörung diagnostizieren. Im Erleben bedeutet das, dass Philipp – im
Vergleich zur Normstichprobe Gleichaltriger – ein abweichend hohes Maß an
Unaufmerksamkeit, motorischer Unruhe und Impulsivität aufzeigte. Beschreiben würde
der Psychotherapeut das Ganze als einen Mangel an Ausdauer bei Beschäftigung und der
Tendenz, Tätigkeiten zu wechseln, bevor sie zu Ende gebracht wurden. Außerdem würde
er auf die Unfähigkeit, stillsitzen zu können verweisen und von abrupten motorischen
oder verbalen Aktionen, die nicht in den sozialen Kontext passen, sprechen.
Mutter jammerte tagtäglich über das „Hausaufgabendrama“
So weit so
gut? Was meint der damit? Schwenken wir mit unserer imaginären Beobachtung von
Philipp zu den ersten Monaten seines Lebens. Hier wurde er vielleicht schon als
„Schreikind“ bezeichnet, er liebte es zu experimentieren und war äußerst neugierig –
oder auch „schwierig in Schach zu halten“, wie es sein erwachsenes Umfeld betitelt
haben mag. Im Vorschulalter wirkte er leicht frustriert bis höchst energetisch, er
mochte es, im Mittelpunkt zu sein und wechselte häufig seine Beschäftigungen mit den
Dingen um sich herum. Der Stempel im Kindergarten: „Zu expansiv“. In der Schule
wurde er dann von seinen Mitschülern zum Klassenkasper erkoren, von den Lehrern in
die Schublade „lerngestört“ gesteckt und die Mutter jammerte tagtäglich über das
„Hausaufgabendrama“. Nur gut, dass der Psychotherapeut ihn gerade an einen Kollegen
verweist, der ihm ergänzend Ritalin verschreiben kann. Das nimmt er jetzt täglich -
genau wie laut taz alleine in Hamburg rund 5.000 Kinder und Jugendliche im Jahre
2010.
Es wäre ja auch nicht mit anzusehen gewesen, wenn Philipps Lehrer sich
auf seine Impulse hätten einlassen oder gar kreativ hätten werden müssen, um auf
seine „Sprunghaftigkeit bei Beschäftigungen“ einzugehen. So viel Energie im
Klassenzimmer, da hätte die Lehrerschaft ja erlauben müssen, dass ein Kind auch mal
aufsteht während des Unterrichts oder sich an manchen Tagen nicht konzentrieren kann
oder wohlmöglich noch andere zur „Unruhe“ anstiftet. Ein Hoch auf die Norm! Somit
wäre die Rechtfertigung für das Rezept auf Ritalin geklärt und auch Mutter und Vater
müssen sich keine Gedanken über Alternativen machen. Der Herr Doktor unterschreibt,
es wird zur Apotheke gegangen. Alle sind glücklich. Herzlichen
Glückwunsch!
Was zu tun ist beim nächsten „Ausfall“ des Kindes?
Doch einen Moment
mal. Ritalin? Ist das nicht das Zeug, das auch als „Kiddie-Koks“ oder „Koks mit
Kinderfreigabe“ bekannt ist? Und wenn ja: woher kommt dieser Sarkasmus? Ritalin ist
der handelsübliche Name des Präparats mit dem Wirkstoff Methylphenidat, welches
einige umgangssprachliche „Szenenamen“ bekommen hat, die erstmal „krass“ klingen.
Wie es scheint zu recht: der Wirkstoff gilt in Deutschland als
verschreibungspflichtiges Betäubungsmittel, in den USA als Betäubungsmittel der
Klasse II - zu der auch Kokain, Morphium und Amphetamine gehören. Bei Kindern und
Jugendlichen mit der Diagnose ADHS soll das Präparat einen gestörten
Dopamin-Haushalt im Gehirn regulieren und damit die Konzentrationsfähigkeit
verbessern. Auch wenn Ritalin unter bestimmten Umständen auf diese Weise wirken mag,
sind kurzfristige Nebeneffekte von erhöhtem Puls und Blutdruck bis hin zu
Verfolgungsideen und Angst sowie langfristige Wirkungen von Abhängigkeit, gestörter
Leberfunktion bis hin zu Depression und psychotischen Reaktionen (bei plötzlichem
Absetzen) nicht von der Hand zu weisen. So viel zu dem vorschnellen Beglückwünschen
von unserem Psychiater, den Eltern und Lehrern. Zurück beim Psychotherapeuten gibt
dieser den Eltern zusätzlich ein paar „Regeln zum Umgang mit ADHS-Kindern“ in
Anlehnung an „Der hyperaktive Jugendliche und seine Probleme“ mit auf den Weg.
Erleichterung! Regeln! Daran kann mensch sich halten und wissen, was zu tun ist beim
nächsten „Ausfall“ des Kindes. Es reicht, wenn wir an dieser Stelle die Regeln
überfliegen, die da in etwa auszugsweise lauten mögen: Dem Kind deutlich machen,
welches Verhalten von ihm erwartet wird – dabei fest im Ton bleiben. Ankündigungen
machen, welche Dinge genau zu erledigen sind. Immer eingestellt sein auf Widerstand
– darauf dann nicht eingehen und nicht persönlich nehmen. Klare Regeln und deutliche
Strukturen kommunizieren durch Regelpläne oder Belohnung - aber auch negative
Konsequenzen helfen, den Alltag zu bewältigen (...). Es wäre natürlich einsilbig,
hier vollends zu bestreiten, dass Kinder Grenzen austesten und auch fordern – die
Pointe kommt noch. Erst einmal weiter im Text.
Glatt, gefügig, still und abhängig
Die Familie geht mit Ritalin-Vorrat
und Regelwerk nach Hause. Alle freuen sich – auch die Pharmaindustrie. Dass ich
dazwischenrufen will „Entschuldigen Sie bitte, aber ich hab da was gelesen!“
interessiert nicht mehr. Denn ist ein „Problem“ einmal zu der Zufriedenheit der
vermeintlichen Hauptakteure gelöst, scheint es wenig Platz für Kritik zu geben. So
kann ich nicht dazwischenrufen, dass Leon Eisenberg - der amerikanische Psychiater,
der in den späten sechziger Jahren ADHS als psychische Erkrankung klassifizierbar
machte – kurz vor seinem Tod aufgeklärt haben soll, dass es sich dabei um ein
„Paradebeispiel für eine fabrizierte Erkrankung“ handele. Darüber berichtete die FAZ
mit dem Untertitel „Ritalin ist eine Pille gegen eine erfundene Krankheit, gegen die
Krankheit, ein schwieriger Junge zu sein. Immer mehr Jungs bekommen die Diagnose.
Die Pille macht sie glatt, gefügig, still und abhängig“. Wenn wir das „abhängig“
streichen, mögen die anderen Adjektive durchaus attraktiv klingen in den Ohren von
Philipps erwachsenem Umfeld. „Seit unser Philipp zum Frühstück eine kleine weiße
Pille schluckt, ist er so schön ruhig!“. Applaus, Applaus! Wobei der Jubel Philipp
möglicherweise eben dadurch erspart wird, wie allein ein kurzes Gedankenexperiment
zeigt. Nehmen wir an, Madame Ressource hätte bei all den diagnostischen Erhebungen,
Hypothesenbildungen und Behandlungsmaßnahmen, die Philipp durchlaufen hat, dabei
gesessen. Und die hätte etwas gesagt wie „Für mich zeigt Philipp eine beachtliche
sprachliche Eloquenz, er ist fähig zu intuitivem Handeln und er weist einen
Tatendrang auf, der ihn dazu bringen wird, mit hohem Durchhaltevermögen und
Engagement an das Schaffen in seinem Leben heranzugehen“. Diese Fähigkeiten wären
wahrscheinlich aber erst zu späterer Lebensstunde offensichtlich geworden und bis
dahin wären sie möglicherweise eingedämmt oder schier nicht erkennbar geworden.
Wer bis hierhin eins und eins zusammenzählt, erkennt: Philipp hat eine
Diagnose bekommen, da er in seiner Impulsivität und Aufmerksamkeitsspanne von der
Norm abweicht. Das heißt, dass sein Verhalten von „üblichen, den Erwartungen
entsprechenden Beschaffenheiten“ verschieden ist. Kurzum: er entspricht nicht dem
Durchschnitt. Einmal abgesehen davon, dass es sich bei der Diagnose inzwischen um
ein Beispiel für eine fabrizierte Erkrankung handelt, wird diese als Ausgangspunkt
dafür missbraucht, dass er – mit welchen Mitteln und Methoden auch immer – behandelt
wird. Er wird also aufgrund seines Abweichens von der Norm behandelt. Und Genesung
bedeutet dann, dass er sich der Norm annähert? Es beschleicht mich das ungute
Gefühl, dass hier noch ganz andere Mächte im Spiel sind. Denn wer oder was hat
bitteschön tatsächlich Interesse an angepassten, auf Fokus erzogenen Menschen? Da
fällt der Groschen. Es geht letztlich um das Interesse eines Systems, das sich
selbst aufrechterhält durch das Heranziehen von Mitschwimmern im Fluss des Kapitals.
Und damit wird Philipp nicht nur zum Beispiel von „Kindern mit ADHS“, sondern von
jeder und jedem, der auf irgendeine Art „abnorme Züge“ aufweist, damit aneckt und –
Gott bewahre – dem System einen blauen Fleck verpassen könnte.
Pro Menschenverstand und Empathie
Es geht hier nicht um ein stumpfes
Gut gegen Böse, sondern erstmal um das Freimachen von gewohnten und damit leichteren
Denkmustern für einen Moment und das Lösen von voreiligen Schlüssen und
Lösungsansätzen - im Sinne eines alternativen Blickwinkels. Denn wenn der abstrakte
Beobachter von Philipp (zumindest auch) die Stärken in seinen so deklarierten
Schwächen sieht, entsteht dabei die Möglichkeit, einer faszinierenden Persönlichkeit
Raum zu geben. Ja, es gibt Kinder, die in besonderem Maße unaufmerksam, unruhig und
impulsiv sind und es soll niemandem abgesprochen werden, dass dies herausfordernd
für deren Wegbegleiter sein kann. Aus einer anderen Perspektive heraus können genau
diese Kinder wohl aber zu den humorvollen, offenen und interessanten Menschen
werden, die andere inspirieren. Menschen mit Ideenreichtum und
Begeisterungsfähigkeit. Wem das Plädoyer für Menschenverstand und Empathie nicht
reicht, suche Belege in den Biographien von beispielsweise Albert Einstein, Ludwig
van Beethoven, Walt Disney, Robin Williams oder Will Smith.
Und nun?
Würde all das bedeuten, die Geduldsübung für das Umfeld von Philipp bestünde darin,
zu erkennen, was seine spezifischen Fähigkeiten sind, ihn darin zu fördern und somit
seine Aufmerksamkeit zu verbessern und zu mehr innerer Ruhe beizutragen? Klingt das
nicht zu einfach? Vielleicht sogar naiv?
Natürlich braucht es erst
einmal Willen, Übung und Zeit, um einen neuen Blickwinkel einzunehmen und die
positiven Seiten zu erkennen. Doch genau diese Perspektive – bestenfalls Einzug
erhaltend in das Schulsystem – würde Kindern wie Bezugspersonen einen veränderten
Umgang ermöglichen und den Leidensdruck durch das Bild von „ADHS als Defizit“
nehmen.
Und die Moral von der Geschicht? Koks aus der Schultüte, das braucht
Philipp nicht!
Quellen:
- Bundesärztekammer
- Pravda
TV
- Renner, T. (Präsentation WS 2013/14). Klinik für Psychiatrie und
Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter Universität Tübingen
- Schlack, R.
et al., Bundesgesundheitsblatt, 2007, 50:827-835
-
taz
Mira Assmann, Psychologin mit
kritischem Blick, der sie erkennen ließ, dass das akademische Wesen im Berufen
auf „wissenschaftlich erwiesen“ ein Betäubungsmittel für den freien Geist sein
kann.
Tags: ADHS, Psychologie, Erziehung, Generation Y, Verwertung,/blog/files/tag--/