Karriere unser
September / 2014 -
Von Alix Faßmann
Herzlichen Glückwunsch! Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem
Beinbruch! Ein gerissenes Band am Knöchel oder einfach nur eine üble Zerrung tun
es auch. Die Schmerzen werden schnell vergehen. Denn von nun an wird Ihnen jeder
Schwung an den Gehhilfen wie ein Ereignis vorkommen. Denn das ist es. Glauben
Sie mir. Sie glauben doch sonst so leicht und schnell. Oder wissen Sie
eigentlich gar nicht mehr, woran es sich noch zu glauben lohnt. Na ja, zur
Arbeit können Sie in Ihrem Zustand zumindest nicht humpeln. Das wäre nun
wirklich unmenschlich. Sie funktionieren gerade nicht mehr. Das Schicksal hat
Ihnen einen Knüppel zwischen die Beine geworfen. Ob Sie wollten oder nicht,
jetzt ist die Gelegenheit endlich Ihrem Sein auf die Schliche zu kommen. Es
bleibt Ihnen nichts anderes übrig. Sie sind zu langsam für die hetzende Routine
da draußen. Aber Sie beginnen mit jeder Zeitlupenbewegung in Ihrem neuen
gebrechlichen Leben zu begreifen, dass es sich so gemächlich und mit Weile viel
unbeschwerter Denken lässt. Oder wann haben Sie sich das letzte Mal gefragt, ob
es dieses Café bei Ihnen um die Ecke eigentlich schon immer gab? Ach, Sie
wussten gar nie, dass es ein Café um die Ecke gibt? Setzen Sie sich an den
gedeckte Tisch, bestellen ein Glas Schaumwein und legen die kranken Beine hoch.
Es wartet die Chance Ihres Lebens. Sie denken: Scheiße, nein, nicht schon wieder
eine Chance, die es zu ergreifen oder zu verpassen gilt! Sie haben so
recht.
Denn das was jeden beschleicht, wenn man einmal Zeit und Raum
zum Denken findet, ist die Frage: Gehört das so? Ist das richtig und sinnvoll,
dass ich hier arbeite und mich immer wieder nur beschwere? Ist allein die
Fähigkeit, dass ich meine Rechnungen und den Konsum von meinem Gehalt bezahlen
kann, all das wert? Und vor allem: Wo soll das denn hinführen?
Die
westliche Maschine lebt im Überfluss und will es nicht schaffen diesen gerecht
zu verwalten. Die Wachstumsrate sei unser aller Glücksbarometer, das
Bruttoinlandsprodukt ist bislang einziger Indikator für den Wohlstand einer
Gesellschaft. Was dabei herauskommt, ist eine Kultur des sinnlosen Schaffens.
Arbeit soll unsere Religion sein, an die wir ohne Beweise für diesen Gott zu
glauben haben, und die Politik ist nicht mehr als ihr müder Schweinepriester.
Arbeit unser im
Markt
Geheiligt werde dein Geber.
Dein Vertrag komme.
Dein
flexibles Arbeitszeitmodell mit Sportangebot und Kinderbetreuung
geschehe,
wie im Büro, so auf Urlaub.
Unser täglich Überstunde gib
uns heute.
Und vergib uns unseren Fleiß,
wie auch wir vergeben
unsern Kontrahenten.
Und führe uns nicht in Fehlzeiten,
sondern
erlöse uns von der Muße.
Denn dein ist die Maschine
und die
Karriere und die Angst
in Ewigkeit. Amen.
Die Karriere und ihr Ethos sind
Methode von Institutionen und Unternehmen die Maschine in Gang zu halten. Männer
und Frauen lassen sich immer wieder leicht von der Angst einfangen und verharren
in einem stumpfen Bewusstsein, stellen sich ruhig und sehen sich der Ohnmacht
zur mangelnden Macht über den Gebrauch des eigenen Lebens
ausgeliefert.
Weil mir einfach kein Bein brechen wollte, begann ich
irgendwann aus freien Stücken zu schleichen. Weil die Wege eines berufstätigen
Menschen mehrheitlich aus Arbeitswegen bestehen, schlich ich also ins Büro und
zurück. Und dachte so vor mich hin. Denn das geht ohne sich auf eilige
Körperkoordination zu konzentrieren am besten. Umso langsamer ich ging, desto
lauter und monotoner wurde die Frage: Warum? Und warum frage ich nur immer
wieder, jeden Tag, sogar oder besonders, wenn ich frei oder Urlaub habe, warum?
Ich bin ein Krisenkind der Generation Y (Why?). Sie haben es mir bereits in
diversen gefälligen Zeitungsartikeln erklärt. Krise, Krise, Krise. Das kann doch
nicht Euer Ernst sein. Und trotzdem soll ich mitmachen, wenn ich das alles gar
nicht mehr verstehen kann. Schlimmer noch, ich soll es tragen und sogar
retten.
Ich möchte lieber
nicht.
Tags: Karriere,
Generation Y, Haus
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