Das Angenehme am Mafia-Prinzip
September / 2014 -
Von Anselm Lenz
Der Mezzogiorno ist keinesfalls am Ende. Er braucht
auch nicht »nur noch etwas länger« oder »mehr Geld aus Brüssel!«. Süditalien
funktioniert anders. Und wird nochmal ein typisch sizilianisches Grinsen grinsen
über unseren typisch deutschen Export-Schlager von Staat und Fortschritt.
Nämlich dann, wenn uns der Laden mal wieder zusammenkracht.
Abgesehen
von der steten Furcht der Deutschen, Ihnen könne der Himmel auf den Kopf fallen,
sprich, sie könnten ihrer heiligen Arbeit, ihren gemütlichen Heimen oder der
Versorgung mit Bratwürsten beraubt werden, scheint uns eines doch ganz sicher:
»Wir sind Export-Weltmeiser!« »Wir sind ein wirtschaftliches Power-House!« Und
letztlich: »Wir haben es einfach drauf!«
Der deutsche Mangel an
kultivierter Distanz zur eigenen Arbeit, die nervige Selbstdefinition über
nationale Wirtschaftsleistung, und das fast manische Beharren auf der – dann ja
irgendwie doch! - Überlegenheit deutschen (Staats-)Wesens macht uns seit langer
Zeit zum so ziemlich unbeliebtesten Völkchen unseres Planeten.
Doch
mit dem deutschen Sendungsbewusstsein kann man umgehen hier im südlichsten Süden
Europas. Sizilien sieht seit 3500 Jahren allerlei stolze Imperatoren kommen -
und als geschlagene Besatzer wieder gehen. Phönizier, Griechen, Karthager,
Ostgoten, Byzantiner, Araber, Normannen, Staufer, Aragonesen, Spanier, Savoyen,
Österreicher, Bourbonen, das Königreich Neapel und schließlich die Republik
Italien gaben sich die Klinke in die Hand. Auch die Deutschen waren schon mal
kurz persönlich da: beim hilflosen Versuch der Wehrmacht, die amerikanische
Befreiung Palermos zu verhindern.
Unter all diesen Herrschaften hat
sich eine ausgesprochen lässige Gewissheit ausgebildet: Staaten kommen und
gehen, aber wir, die Leute, wir bleiben da. Wenn man als Insel in der Mitte des
Mittelmeeres nicht ständig im Kriegszustand sein will, muss man sich was
überlegen, wie man mit den Idioten zurechtkommt, die da in die Welt
hinausrennen, um sich und ihre jeweils eigene nationale Idee (es ist natürlich
immer die einzig wahre!) zu verbreiten: Man sitzt es einfach aus. Und macht sein
eigenes Ding. »Cosa Nostra«, das heißt wörtlich »Unsere Sache«.
Das
Angenehme am Mafia-Prinzip ist für Deutsche vollkommen unverständlich, weil es
entgegen aller Prinzipien operiert, die uns so lieb und teuer sind:
-
Einem »Wir sind das Volk« setzt man ein »Wir sind Bewohner dieser Insel«
entgegen,
- Einem »Wir sind der Staat« hält man ein »Wir sind nicht der
Staat« hin, denn das wäre einfach unsouverän, das wäre nur peinlich,
- »Der
Staat muss für mich sorgen!« hält man für groben Unfug, denn der Staat hat hier
noch niemanden versorgt außer die Staatsdiener,
- »Ich muss für meinen
Staat kämpfen« hält man für jenen Schwachsinn, der die Nationen in den Krieg und
die notwendig folgende Niederlage treibt. Für religiöse Verblendung ist
allenfalls der Vatikan zuständig. Aber von Rom hält man auch nicht allzu
viel.
Nein, wenn Deutschland heute den dritten Anlauf nimmt, Europa
mit seiner Weltidee von Ordnung und Arbeit zu beglücken, hält man sich in
Sizilien doch lieber raus. Man schaut, was da übers Meer kommt, überprüft, ob
wieder Geld, Architekten, Wissenschaftler, Künstler, Waren und Maschinen dabei
sind, die geeignet wären, ein bisschen Abwechslung und Reichtum ins Land
bringen; ganz so so wie sie dutzende Besatzer zuvor auf die Insel brachten
(besonders cool: Araber, Normannen, Staufer). Man tut einen Teufel, die Sprachen
der Skipper zu lernen (geht eh' vorbei) und sieht zu, auf dieser fruchtbaren
Insel, auf der es drei Erntezeiten im Jahr gibt, ein menschenwürdiges Leben zu
führen. Mittags ist es irre heiß, da arbeitet man nicht. Überhaupt, eilig haben
es die Anderen. Deren Eifer erledigt sich von selbst. So war es immer. Und so
wird es immer bleiben.
Doch wie lebt man, wenn niemand dem Staat
vertraut und das auch gar keiner anstrebt? Etwas ärmlich, aber lässig. Sobald
Geld reinkommt, lässt man es untereinander zirkulieren. Ausländische Ketten gibt
es kaum. Die McDonald's-Filiale im palermitanischen Hauptbahnhof, die erst seit
einigen Jahren dort ist, fungiert eher als eine Wartehalle und ist wohl kaum
rentabel. Die Edelketten auf der Via Libertär sind für die Gattinnen der
Yachter, die den Hafen angelaufen haben und die teuren Clubs und Restaurants
entlang der Küste in Richtung des Badeortes Mondello werden von reichen
Auslandssizilianern frequentiert, die gutgehende Geschäfte im Norden, in den USA
oder im reichen Libyen führen.
Auffällig ist, dass es in Sizilien
kaum schreiendes Elend gibt. Anders als in Berlin, Hamburg und München, wo man
innerstädtisch das Nebeneinander von irrwitzigem Reichtum und Hundeelend
beobachten kann, wo zuweilen metallic-lackierte Porsche-Türen über die
neurodermitischen Beine der Gescheiterten im Rinnstein geöffnet werden, ist in
Sizilien kaum eine Spur von echten Obdachlosen, Alkoholikern, Manikern und
anderen Opfern protestantischer Arbeitsethik zu sichten. Denn irgendwo gibt es
immer etwas, wo man abkassieren oder einkehren kann. Das Land ist fruchtbar, die
Kultur ist alt und reich, wobei Geld gibt es wenig. Man braucht niemals eine
Heizung, und die Fähigkeit, Strom aus öffentlichen Leitungen abzuzapfen ist weit
verbreitet. Es gibt nichts zu erreichen, und also wird man irgendwie das, was da
ist, schon verteilen. Wer das große Geld verdienen will, verlässt das Land nach
Norden, nach Deutschland oder besser gleich viel weiter, nach
Amerika.
Die Angst hysterisch-staatstreuer Touristen vor der
sizilianischen Mafia ist vollkommen unbegründet. Mit der »Cosa Nostra« bekommt
niemand Ärger, der keine großen Geschäfte macht, solange man damit rechnet, dass
»Unsere Sache« auch »Unsere Sache« bleibt. Auf Sizilien zahlen lediglich 40% der
arbeitsfähigen Einwohner Steuern. Man kann sich leicht ausrechnen, wie der Rest
abrechnet. Die Mafia ist einfach günstiger als der Staat. Die Polizei sieht das
zumeist genauso.
Nun geht es alles andere als darum, den bewaffneten
Arm der italienischen Mafia zu glorifizieren, der mit eigenem Militär und
eigenen tödlichen Geheimdiensten alle Jahre wieder weltweit für Aufsehen sorgen,
insbesondere in der Region von Neapel. Das Mafia-Prinzip beginnt woanders. Es
beginnt damit, dass man dem Staat keinen Deut über den Weg traut, und gewohnt
ist, Solidarität, Sicherheit und Altersvorsorge anders zu organisieren. Dabei
spielen Verwandtschaft, Landwirtschaft, Freundschaft und eine grundsolide
Solidarität zwischen Individuen eine viel größere Rolle als in Deutschland.
Grundeigentum ist weit verbreitet.
Der Einfluss der Europäischen
Union ist relativ neu und willkommen. Solange Geld überwiesen wird. Denn die
feinen, dem Wesen nach deutschen, Strukturpläne, die irgendwelche Brüsseler
durchzudrücken ab und an die Insel bereisen, werden in aller Geduldigkeit
zermalmt. Das Geld kommt an, die Bauvorhaben scheitern. Die Infrastruktur ist
alles in allem funktionstüchtig, aber wie fast alles auf der Insel in stetem
Zerfall begriffen. Das ist normal, denn nichts ist für immer.
Wenn
nun die ewige Krise als immerwährend dräuendes Unglück für kollektive
Angstprojektionen importiert werden soll, so wird man hier nur müde lächeln. Was
soll das sein, die Krise? Das, was man hier seit Jahrhunderten mitmacht? Nein,
so billig ist ein Sizilianer nicht zu haben. Da muss schon mehr auf den Tisch
gelegt werden. Für »German Angst« ist einfach kein Verständnis da. Vermutlich
vollkommen zurecht, denn wenn Euro, Union und Kapital einmal zusammenstürzen,
dann wird man genauso weitermachen wie bisher. Diesen Stolz hat man sich hier
hart ausgesessen.
»Wenn der Deutsche beginnt, Angst zu haben, wenn sich ihm die geheimnisvolle
deutsche Angst ins Gebein schleicht, dann erst erregt er Schrecken und
Mitgefühl. Und gerade dann wird der Deutsche gefährlich.« (Curzio Malaparte)
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