Von Andi Arbeit
Ringen musst du mit den
Stoffen,
stark sie zwingen zur Gestalt
Wie ich Maschinenbauer wurde
Geworfen in eine
deutsche Familie der unteren Mittelschicht; Kind fortschritts- und auch sonst
gläubiger Leute, wird ein junger Mann heutzutage eher kein Geisteswissensschaftler;
er wird Sozialaufstiegsingenieur. So auch ich.
Ich spielte mit LEGO, während
sich meine Eltern ein kleines Haus und über die Jahre eine beachtliche Serie an
Neuwagen kauften, die sie sich durch ihre Arbeit redlich verdient hatten. Knoff Hoff
war meine Lieblingssendung und gute Schulnoten waren eine Grundvoraussetzung für
gute Stimmung.
Eine Kleinstadtrealschule, eine Ausbildung mit Fachabitur und
den Zivildienst später, war ich reif für die Fachhochschule und vollkommen
orientierungslos.
Werden im Kant'schen Sinne bedeutet
heute meist den Missbrauch einer Ausbildungsstätte zu allgemeinbildenden Zwecken.
Den Begriff Studium Generale hatte ich an meiner ingenieurslastigen Uni im fünften
Semester zum ersten Mal auf einem Aushang gesehen. So studierte ich zwölf und ein
Auslandssemester Flugzeugbau, wobei ich durch persönliche Neigung und das Glück,
einen wesensverwandten Kommilitonen gefunden zu haben, einige dieser Semester mit
den philosophischen Klassikern verbrachte.
Zum Leidwesen meiner Familie
erwuchsen mir aus dieser Lektüre zum Einen der Wunsch und die Fähigkeit, das in mich
gepflanzte religiöse Gefühl herauszureißen und, fast noch schlimmer, ich stellte mir
als geübter Bittsteller bald die Frage, wer mich eigentlich bezahlte.
Eine
Abschätzung der von meinen Eltern geschöpften und der von ihnen verausgabten Werte
förderte eine zunächst unerklärliche, große Diskrepanz zu ihren Ungunsten zu Tage.
So kränkte ich das Selbstwertgefühl meines Umfelds und verwirrte mich selbst. Ein
geheimnisvoller dunkler Mehrwert ergoss sich über uns, zu ihrem und meinem
Profit.
Sein: Im Augenblick der Erkenntnis, dass die
Wohlstandsdifferenz zwischen früheren Generationen und Heute keinen anderen Grund
als die automatisierte Wertschöpfung durch Maschinen hat, wurde ich Maschinenbauer,
wurde der Maschinenbau zu meiner persönlichen, auch politischen Ideologie.
Alle
Gehälter und alle Produkte sind subventioniert durch sozialisierte Maschinenarbeit.
Die einen indirekt, die anderen direkt. Und ich sah, dass es gut
war.
Sie begreifen noch nicht, dass die Maschine der Erlöser der
Menschheit ist, der Gott, der den Menschen von den sordidae artes, den
schmutzigen Künsten, und der Lohnarbeit loskaufen, der Gott, der ihnen Muße und
Freiheit bringen wird.Paul Lafargue
Der Ingenieur in der Gesellschaft
Begin at the Beginning ...
Um den Einfluss des Ingenieurs auf
die Gesellschaft zu erkennen, muss man sich die Zeit vor seinem vermehrten Auftreten
ansehen. Neben der allgemein kürzeren Lebenserwartung lockte diese Zeit den gemeinen
Pöbel mit einer sicheren Arbeitsstelle ab dem sechsten Lebensjahr und sicheren
Beschäftigungsverhältnissen bis zum Tode. Weltenbummel war weit weniger touristisch
als heute und zumeist mit religiös motivierter Vertreibung verbunden. Die allgemeine
Bildung umfasste ein wenig krudes Latein und das Rechnen auf den Linien.
Warum
ist das heute alles anders? Warum kann heute sogar ich, Kind der unteren
Mittelschicht, bis zu meinem dreißigsten Lebensjahr lernen und um die Welt reisen?
Warum bin ich in jeder Hinsicht überversorgt, obwohl ich bisher in meinem Leben kaum
gearbeitet habe?
Seien Sie ehrlich: Möchten Sie vor 400 Jahren als Bauer
oder Leibeigener, also als Teil der unteren Mittelschicht, gelebt haben? Ich denke
wir sind uns einig, die grobe Tendenz der allgemeinen Lebensqualität ist
steigend.
Aber bitte: Wer subventioniert unser Leben so generös?
Es gibt
hier zwei Arten von Subventionen: Die indirekte Art der Subvention ist die
Verbilligung aller Produkte aus industrieller Produktion. Industrielle Produktion
meint hier Maschinenarbeit. Bücher beispielsweise sind heute maschinell hergestellte
Massenware, während die frühen, per Hand kopierten Bücher den Wert eines Hauses
erreichen konnten. Daneben hat sich die Arbeitseffizienz, also der geschöpfte
Mehrwert pro Einheit menschlicher Arbeit, durch die industrielle Revolution
vervielfacht. Der von Maschinen geschöpfte Mehrwert wird den am Produktionsprozess
beteiligten Menschen angerechnet.
Dadurch wird ihr Gehalt direkt durch
Maschinenarbeit subventioniert. Die Summe dieser Subventionen ergibt die Differenz
zwischen der alten und der heutigen Lebensrealität; das ist mit der oben bereits
angesprochenen sozialisierten Maschinenarbeit gemeint. Die konkreten Zusammenhänge
sind gerade so kompliziert und undurchsichtig, dass sich die Meisten einbilden
dürfen, sie hätten sich ihr Gehalt und ihren Konsum durch ihre Arbeit selbst
verdient. Wenn dem so wäre, müssten unsere Vorfahren allerdings unglaublich faule
Säcke gewesen sein. Die automatisierte Schöpfung von Mehrwert ohne menschliche
Arbeit (oder mit nur sehr wenig menschlicher Arbeit) ist keine Utopie mehr. Die
Versorgung des Menschen ist damit nicht mehr von seiner Arbeit
abhängig.
Und was machen wir heute daraus?
Heute kann ein verschwindend
geringer Bruchteil der Bevölkerung durch hochtechnologisierte Agrarwirtschaft sich
und alle anderen mit Lebensmitteln versorgen, während früher der Großteil der
Bevölkerung dafür malochen musste. Die Menschheit hat andere, neue Beschäftigungen
gefunden und so ist der Lebensstandard gestiegen und gestiegen.
Aber wir sind
an eine Grenze gestoßen, die Grenze der Überversorgung.
Wir haben alles,
was wir benötigen, aber wenn wir nicht arbeiten, bekommen wir kein Gehalt und ohne
Gehalt können wir nicht selbstbestimmt leben, also müssen wir arbeiten. Folglich
haben wir angefangen, Produkte zu produzieren, die absichtlich schnell kaputtgehen;
die geplante Obsoleszenz ist heute eine Ingenieursdisziplin. Und immer, wenn etwas
kaputtgeht, können wir etwas Neues produzieren und dafür ein Gehalt bezahlen. Wenn
aber die Dinge nicht schnell genug kaputtgehen, müssen wir sie aktiv zerstören und
schreiben dafür Abwrackprämien aus oder machen ein neues Nachfolgemodell
obligatorisch. Und alles, was wir kaputtmachen oder entwerten, können wir neu
herstellen und dafür jemandem ein Gehalt zahlen. Jeder dieser Schritte geht der Erde
an die Substanz; wir schürfen nach immer mehr Rohstoffen und produzieren immer mehr
Abfall und Abgas. Der so genannte Waren-Vernichtungs-Feldzug.
Neben dem
Waren-Vernichtungs-Feldzug gibt es in unserem Wirtschaftssystem noch eine zweite
Strategie zur Schaffung neuer Arbeitsplätze. Wenn eine Bevölkerung überversorgt
ist_– oder mit anderen Worten: Wenn eine Industrie überproduziert, während
gleichzeitig, diktiert durch die Rahmenbedingungen, Wachstum zwingend nötig ist und
Schrumpfen zum Kollaps führt, dann müssen neue Märkte erschlossen werden. Neue
Märkte werden erschlossen, indem die exportierten Güter in diesen Märkten günstiger
angeboten werden als die dort hergestellten.
So ist z.B. deutsches Gemüse
in Afrika billiger als das dort angebaute und deutsche Maschinen konkurrieren
weltweit sehr erfolgreich gegen Mitbewerber. Das ist natürlich nur möglich, wenn die
Herstellungs- und Transportkosten so gering sind, dass eine zusätzliche Handelsmarge
kompensiert wird. Deutschland ist ein hoch industrialisiertes Land, das dank seiner
vielen Maschinen unglaublich günstig produzieren kann. Um aber Exportweltmeister zu
bleiben, musste Deutschland in den vergangenen Jahren trotzdem zusätzlich die Löhne
senken.
Die gesellschaftlichen Folgen unseres Maschinenmissbrauchs
Das
alles ist, wenn man die Perspektive einmal ändert (Stichwort: Double-Think), eine
ausgesprochen soziale Politik, denn so werden deutsche Arbeitsplätze gesichert.
Indem wir uns billig machen, bleiben wir Exportweltmeister und exportieren die
Arbeitslosigkeit, indem wir die anderen Märkte mit unseren Produkten überfluten,
gleich mit. Wir lassen es uns ein bisschen schlechter gehen, damit es nur den
anderen so richtig schlecht geht. Unsere europäische Wertegemeinschaft hat damit auf
der ganzen Welt und mittlerweile auch an ihren geographischen Rändern eine
Generation verloren gehen lassen; unsere Generation in Spanien, Griechenland etc.
Neben dem ethischen Versagen unserer Wertegemeinschaft muss uns klar sein, dass wir
mit diesen enttäuschten und sich von der europäischen Idee abwendenden Massen durch
unser ganzes Berufsleben gehen werden. Und das kann uns noch ganz gewaltig aufs
Butterende fallen.
Die begehrliche Entbehrlichkeit des Arbeiters
Wir lösen heute im
Großen und Ganzen kaum mehr Echt-Welt-Probleme, sondern wir erschaffen uns durch
aktive Zerstörung Scheinprobleme, die wir mit Scheinjobs lösen können. Und das alles
nur, weil das Gehalt an die Arbeit des Einzelnen gebunden ist, obwohl die Arbeit
längst von den Maschinen verrichtet wird / werden sollte.
Zur Erinnerung:
Unsere Vorfahren hatten ihren deutlich geringeren Lebensstandard, nicht weil sie
deutlich fauler waren; sie haben im Gegenteil deutlich länger gearbeitet, als wir es
heute tun! Da der Arbeiter keine echten Probleme mehr löst, wird er als solcher
entbehrlich, nur als Konsument bleibt er unentbehrlich. So könnte heute, rein
technologisch gesehen, bereits ein deutlich höherer Automatisierungsgrad erreicht
sein, als er tatsächlich ist.
Um dem Trend zur Automatisierung
entgegenzuwirken, bekommen Firmen staatliche Subventionen, wie beispielsweise
kostenlose Grundstücke, unter der Aussage, Jobs zu schaffen. Dennoch ist nicht zu
übersehen, dass, wer nur noch Scheinprobleme löst, keine Verhandlungsbasis mehr hat.
Der Arbeiter ist ohnmächtig im Spiel der Wirtschaft; die Gewerkschaften haben ihre
Macht verloren. Mit welchem Pfund sollten sie auch wuchern? Uns bleibt eine Utopie,
der Traum der Menschheit von paradiesischen Verhältnissen, die längst keine Utopie
mehr sein müsste und sich nun gegen uns wendet. Die Umwandlung der Produktivkräfte
in Destruktivkräfte, wie Marx sie schon vor 150 Jahren für den Kapitalismus
vorhergesagt hat, ist Realität geworden.
Wenn wir das Paradies doch nur
ertragen könnten, statt dass wir uns dagegen wehren.
Und nun?
Wir müssten längst eine Dienstleistungsgesellschaft
sein, die nur noch das produziert, was sie benötigt und die Menschen vor allem
außerhalb der Produktion beschäftigt. Während heute, aus der Not heraus Jobs
schaffen zu müssen, die Verwaltungen allerorten sinnfrei aufgebläht werden, was die
Prozesse glücklicherweise ineffizienter macht, ist mit der
Dienstleistungsgesellschaft etwas anderes gemeint. Es sind die vielen wirklich
nützlichen Tätigkeiten, die ins Ehrenamt gedrängt werden: Altenpflege,
Kinderbetreuung und die Arbeit mit sozial Benachteiligten beispielsweise. Und,
außerhalb des Ehrenamts, die schönen Künste. Es ist erstaunlicherweise ökonomischer
all diese Dinge unzureichend zu erledigen und viele arbeitslos zu
lassen.
In absehbarer Zukunft wird der Maschinenbau auch den
Dienstleistungsbereich revolutionieren. Autos fahren bereits autonom, humanoide
Roboter können bereits laufen und (noch mehr schlecht als recht) bedienen und den
Weg weisen, bald können sie Haare schneiden. Auf längere Sicht haben wir keine Wahl.
Wenn wir diese Erde nicht zu einer großen Osterinsel machen wollen, müssen wir uns
zu einer Wissensgesellschaft weiterentwickeln. Wir brauchen eine
Post-Wachstums-Ökonomie. Das Wunderbare ist, dass eine solche Ökonomie das Potential
menschlicher Fähigkeiten sinnvoll nutzbar machte, dass wir uns den großen
gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Fragen stellen könnten.
Ideen
dazu gibt es genug; bedingungsloses Grundeinkommen, negative Einkommenssteuer und
ökologische Landwirtschaft etc. Allen diesen Ideen ist ein neues Verständnis von
Eigentum und Sinn immanent; und dieses neue Verständnis zu formulieren und in die
Gesellschaft zu tragen, ist die große Aufgabe unserer Zeit. Solange aber die
Menschen ihre Nützlichkeit, die große Lüge ihrer Notwendigkeit, benötigen, um ihr
Selbstwertgefühl zu rechtfertigen, wird diese Botschaft kaum zu vermitteln sein. Ein
natürlicher Adel ist nötig, um sich selbst, trotz allem, zu ertragen und zu
lieben.
Bist du ein Solcher, der einem Joche entrinnen durfte? Es gibt
Manchen,
der seinen letzen Werth wegwarf als er seine Dienstbarkeit
wegwarf.
Friedrich Nietzsche
Wenn Sie sich jetzt noch fragen, wer
das alles bezahlen soll, fangen Sie bitte noch einmal oben an zu
lesen.
Kann der Ingenieursstand helfen?
Der Ingenieursstand hat die
industrielle Revolution vollbracht und Fakten geschaffen, die die Welt verändert
haben wie keine andere Revolution zuvor, aber die Technik-Folgen-Abschätzung gelingt
ihm seit 250 Jahren nicht. Der Ingenieur, der seine Technik als Einziger versteht,
scheint im Durchschnitt ohne besonderes Interesse daran, wer seine Maschine zu
welchen Zwecken benutzt. So tritt der Ingenieur auch öffentlich kaum in Erscheinung,
schon gar nicht in Talkrunden als Experte. Woher aber kommt dieses Desinteresse oder
warum sammeln sich sozial und politisch Desinteressierte im
Ingenieursstand?
Zum einen sucht sich bekanntlich jede Fliege ihren
Haufen und so auch der geborene Tüftler seinen Beruf. Zum anderen rekrutiert sich
der Ingenieursnachwuchs, die Lehrlinge der schmutzigen Kunst, zu großen Teilen aus
der unteren Mittelschicht („Junge, mach was aus dir ...“), die mit „denen da oben“
nicht viel anzufangen weiß und in der die Sensibilisierung für soziale und
politische Fragen nicht natürlicherweise zur Erziehung gehört. Also rechnet mit den
Ingenieuren und den Wundern, die sie noch erschaffen werden. Aber zählt nicht auf
sie!
Was uns bleibt
Analyse
Wie die Dinge nun einmal liegen, müssen wir uns einige
unbequeme Fragen stellen. Wird die Menschheit aufhören Öl zu verbrennen, solange es
noch einen Tropfen auf der Erde gibt? Werden die internationalen Konflikte um
Rohstoffe und Trinkwasser in Zukunft wieder abnehmen? Wird das sich radikalisierende
kapitalistische System, in dem wir leben, in Zukunft menschliche Härten abbauen und
den Menschen die Möglichkeit zu würdiger und sinnvoller Tätigkeit geben? Wird unsere
Generation die internationale Solidarität in einer sinnvollen Form umsetzen können?
Wird uns ein lieber Gott auf grüne Auen führen? Nö.
Es scheint, als wenn das Kapital
In seiner
Gier und alledem
Wie eine Seuche, sich total
Unaufhaltsam, trotz
alledem
Über unseren Planeten legt
Überwältigt und beiseite
fegt
Was sich ihm nicht freiwillig
Unterwerfen will trotz
alledem
Hannes Wader
Mögliche Antworten
Da nichts zu der Hoffnung Anlass gibt, unsere
Generation könnte einen neuen, einen humanistischen Sozialismus erfinden und
etablieren, bleibt die Frage, was der Einzelne tun kann und tun muss. Die folgenden
Gedanken dienen mir als Leitfaden für die anstehenden Entscheidungen:
Kein Mensch hat das Recht, sich selbst zum Opfer zu machen. Wir sind, im
Gegensatz zu vielen anderen Menschen auf dieser Welt, nicht in die Opferrolle
geboren worden; wir haben Optionen, wenn wir sie uns nicht selbst verbauen. Außer
der emotionalen Freiheit, der Ataraxie, kann jede andere Freiheit durch das Erlernen
des jeweils notwendigen Handwerks erreicht werden. Die Freiheit in der Lebensplanung
endet für uns zumeist an ökonomischen Grenzen. Diese Freiheit muss erkämpft werden
und dazu müssen im ersten Schritt die politische und gesellschaftliche Realität
analysiert, die Zukunft abgeschätzt und im zweiten Schritt dann entsprechende
Entscheidungen getroffen werden.
Selbstverwirklichung ist die Kür und
nicht die Pflicht; die muss vorher kommen. Wer weiß, was er will, muss trotzdem noch
prüfen, ob er es unter den gegebenen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen umsetzen
kann. Kann ich es mir leisten eine brotlose Kunst zu erlernen? Die meisten können es
nicht und wer es doch tut, muss sich hinterher nicht über seine Brotlosigkeit
wundern. Wir leben nicht mehr in der sozialen Marktwirtschaft, wir leben im
Kapitalismus.
Zeitloses Wissen und die Fähigkeit, Echt-Welt-Probleme zu
lösen, sind gute Voraussetzungen, Entsprechend dem Wunsch der Industrien nach ideal
verwertbaren Hochschulabsolventen werden mehr und mehr hochspezialisierte
Studiengänge angeboten. Das Interesse der Studenten muss aber eine solide, breite
Basis sein, die sie für viele Aufgaben qualifiziert und ihnen damit ein Stück
Unabhängigkeit von Arbeitgebern und Moden gibt.
Gleichzeitig vergrößert
sich unsere Freiheit in dem Maße, in welchem wir weniger von der Wirtschaft abhängig
machen, in dem Maße, in dem wir unseren Konsum auf allen Ebenen sinnvoll reduzieren.
Wenn der Weg der klassischen Karriere unsinnig geworden ist, muss ich andere
Netzwerke aufbauen. Wenn die Rente nicht mehr sicher ist, muss ich anders vorsorgen.
Wenn sinnvoller Konsum kaum mehr möglich ist, muss ich lernen, Dinge zu reparieren
und wie Allmenden funktionieren.
Niemand hat das Recht, aus ökonomischen
Zwängen wider die eigene Ethik zu handeln, zum Jobholder, wie ihn Hannah Arendt
demaskiert hat, zu werden. Wer sein Leben mit der heißen Nadel strickt, wer
Verantwortung übernimmt, der er nur unter idealen Randbedingungen nachkommen kann,
der wird sich früher oder später in eine Situation manövriert haben, die ihn zwingt,
wider seine Ethik zu handeln. Bio muss man sich ja auch erst mal leisten können und
Rüstung ist ja eigentlich auch ein guter Job.
Im extremsten Fall, im
totalitären System, wenn es kein Richtiges im Falschen mehr gibt, muss man
wenigstens noch fähig sein auszusteigen, wenn man schon nicht in den Widerstand
gehen kann. Da die Gefahr, dass sich ein politisches System radikalisiert, immer
latent besteht, ist die Fähigkeit zum Ausstieg eine Bürgerpflicht. Weltbürgertum,
ein internationales Netzwerk und berufliche Qualifizierungen, die einen Neuanfang im
Ausland möglich machen, sind nicht nur sinnvolles Werkzeug, sondern, auch falls man
sie niemals benötigen sollte, persönlich bereichernd.
Die Mitgestaltung
des öffentlichen Raums – das politische Handeln ist die Kür aber nicht die Pflicht
des Bürgers. Das politische Handwerk zu erlernen, gibt jedem die Möglichkeit, unsere
Welt an entscheidender Stelle zu verändern. Dabei kann der Raum, den man gestalten
möchte und kann, durchaus ein kleiner sein. Sich lokal zu organisieren, verändert
zwar nicht die Welt entscheidend, aber das eigene Leben sehr wohl. Es braucht neue
Utopisten und mutige Realpolitiker, Allmenden und Tauschgemeinschaften. Der
Unterschied zwischen Wissen und Können ist das Üben.
Die Lebensrealität junger Ingenieure
Zu guter Letzt möchte ich,
als junger Ingenieur und Doktorand, über die aktuelle Situation in diesem
Berufsstand berichten. Ich bin mir dabei bewusst, dass andere Berufsgruppen bereits
weit mehr im Würgegriff der Destruktivkräfte unserer Zeit gefangen sind und möchte
deshalb nicht unnötig viel klagen. Dem Geneigten kann ich ein Studium der
Ingenieurswissenschaften durchaus empfehlen. Es qualifiziert für viele, auch einige
sinnvolle, Tätigkeiten und scheint mir ein wichtiger Teil einer umfassenden
Allgemeinbildung zu sein.
Nun zu uns:
Studium: Dass die Physik und die
Ingenieurswissenschaften die höchsten Abbrecherquoten haben, ist nicht
verwunderlich; die Anforderungen an die Studenten sind fachspezifisch hoch bis
hirnrissig. Die Regelstudienzeit an meiner Hochschule war sieben Semester, die
durchschnittliche 14,2. Der hohe Leistungsdruck im Studium und die hohen Kosten
durch die lange Studienzeit machen ein geregeltes Leben nahezu unmöglich. Mußezeit
für allgemeine Bildung ist im Ingenieursstudium schlicht nicht
vorgesehen.
Soll es nicht einen Fachkräftemangel geben? Hat man uns nicht
gesagt, dass wir als die Macher uns keine Sorgen um unsere Zukunft machen müssen?
Haben wir nicht die besten Voraussetzungen für ein Leben in Sicherheit und
beschaulichem Wohlstand?
Haben wir etwa keine Lohnstagnation seit
etlichen Jahren? Schon, aber nur bei den alten Angestellten. Die jungen werden
zunehmend über Supplier mit hoher Fluktuation eingestellt – mit deutlich geringeren
Löhnen und natürlich befristet. Im öffentlichen Dienst war die Umstellung von BAT
auf TVL für technische und wissenschaftliche Angestellte eine saftige Lohnkürzung.
Der VDI, die Interessenvertretung der deutschen Ingenieure, fordert die Absenkung
der Einstiegsgehälter um ca. 25%, um den deutschen Ingenieur konkurrenzfähig gegen
den asiatischen zu machen. Der wissenschaftliche Mittelbau wurde im Rahmen der
Bologna Reform de facto abgeschaltet, was die Industrie zur alternativlosen
Superchance für alle jungen Naturwissenschaftler und Ingenieure
macht.
Auch für Ingenieure gilt: Wer mehr vom Leben verlangt als einen
großen, flachen Fernseher und ein Auto, ist schon gefährlich
unangepasst.
Andi Arbeit (Name geändert)
ist Maschinenbauingenieur in Deutschland und hat sich mit dem Haus Bartleby in
Verbindung gesetzt, um sich auszutauschen und ein mitwirkender Teil der Lobby zu
werden. Er nahm sich Zeit und verfasste diesen bereichernden Text. Wir freuen
uns und danken.
Tags: Maschinenbau,
Arbeit,Fachkräftemangel, Karriere,Maschinen, Haus Bartleby,/blog/files/tag--/