Muße und Müßiggang
September / 1882 - Abgelegt in:
Zeitlos
Von Friedrich Nietzsche
Man
schämt sich jetzt schon der Ruhe; das lange Nachsinnen macht beinahe
Gewissensbisse. Man denkt mit der Uhr in der Hand, wie man zu Mittag isst, das
Auge auf das Börsenblatt gerichtet, — man lebt, wie Einer, der fortwährend Etwas
"versäumen könnte". "Lieber irgend Etwas tun, als Nichts" — auch dieser
Grundsatz ist eine Schnur, um aller Bildung und allem höheren Geschmack den
Garaus zu machen. Und so wie sichtlich alle Formen an dieser Hast der
Arbeitenden zu Grunde gehen: so geht auch das Gefühl für die Form selber, das
Ohr und Auge für die Melodie der Bewegungen zu Grunde. Der Beweis dafür liegt in
der jetzt überall geforderten plumpen Deutlichkeit, in allen den Lagen, wo der
Mensch einmal redlich mit Menschen sein will, im Verkehre mit Freunden, Frauen,
Verwandten, Kindern, Lehrern, Schülern, Führern und Fürsten, — man hat keine
Zeit und keine Kraft mehr für die Zeremonien, für die Verbindlichkeit mit
Umwegen, für allen Esprit der Unterhaltung und überhaupt für alles Otium. Denn
das Leben auf der Jagd nach Gewinn zwingt fortwährend dazu, seinen Geist bis zur
Erschöpfung auszugeben, im beständigen Sich-Verstellen oder Überlisten oder
Zuvorkommen: die eigentliche Tugend ist jetzt, Etwas in weniger Zeit zu tun, als
ein Anderer. Und so gibt es nur selten Stunden der erlaubten Redlichkeit: in
diesen aber ist man müde und möchte sich nicht nur "gehen lassen", sondern lang
und breit und plump sich hinstrecken. Gemäß diesem Hange schreibt man jetzt
seine Briefe; deren Stil und Geist immer das eigentliche "Zeichen der Zeit" sein
werden. Gibt es noch ein Vergnügen an Gesellschaft und an Künsten, so ist es ein
Vergnügen, wie es müde-gearbeitete Sklaven sich zurecht machen. Oh über diese
Genügsamkeit der "Freude" bei unsern Gebildeten und Ungebildeten! Oh über diese
zunehmende Verdächtigung aller Freude! Die Arbeit bekommt immer mehr alles gute
Gewissen auf ihre Seite: der Hang zur Freude nennt sich bereits "Bedürfnis der
Erholung" und fängt an, sich vor sich selber zu schämen. "Man ist es seiner
Gesundheit schuldig" — so redet man, wenn man auf einer Landpartie ertappt wird.
Ja, es könnte bald so weit kommen, dass man einem Hange zur vita contemplativa
(das heißt zum Spazierengehen mit Gedanken und Freunden) nicht ohne
Selbstverachtung und schlechtes Gewissen nachgäbe. — Nun! Ehedem war es
umgekehrt: die Arbeit hatte das schlechte Gewissen auf sich. Ein Mensch von
guter Abkunft verbarg seine Arbeit, wenn die Not ihn zum Arbeiten zwang. Der
Sklave arbeitete unter dem Druck des Gefühls, dass er etwas Verächtliches tue: —
das "Tun" selber war etwas Verächtliches. "Die Vornehmheit und die Ehre sind
allein bei otium und bellum": so klang die Stimme des antiken Vorurteils!
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