Eine Runde im Park
September / 2014 - Abgelegt in:
Essay
Aus dem Hause Bartleby
Wie
soll ich Ihnen das jetzt sagen? In diesen miesen Zeiten. Als hätten wir alle
nicht schon genug Probleme. Überall zwingen uns Krisen zum sparen, trauern,
protestieren und festklammern. Wir haben die Krise noch im Griff, oder? Und
warum dann dieses tiefe brummende Unbehagen in unseren Köpfen. Sie, die
Politiker, die Wirtschaftsweisen, sogar die Journalisten im Feuilleton,
berichten immer und anders das Gleiche von dem guten Leben einer starken
Gesellschaft mit bombigem Wachstum. Immer wieder nennen sie uns »wir«, ob in
guten oder in schlechten Zeiten. Wir wachsen ja, äh unsere Wirtschaft. Wir
schaffen das. Aber was eigentlich? Haben »sie« überhaupt eine Ahnung, was »wir«
sind und brauchen, wenn sie von der Überwindung von Krise A bis Z erzählen? Fakt
ist: Sie brauchen uns! Nur wenn wir immer mehr wollen, immer mehr schaffen, von
dem Glaube an Karriere, Wohlstand und finanzieller Sicherheit angetrieben, immer
schön fleißig weiterdrehen in der Maschine, besteht Hoffnung. So lautet
zumindest seit der Industrialisierung das Versprechen. Seit Ende des Kommunismus
feierte der Kapitalismus ein Fest mit allen Extras, das immer exklusiver wurde.
Mittlerweile dürfen nur noch wenige kommen. Der Rest, die vielen, halten den
Laden am Laufen. So ist zumindest das Gefühl. Für ein Dach über dem Kopf, das
narkotische Bierchen oder Weinchen am Abend und den üblichen Konsum, der sich
nicht am Bedarf sondern »haben wollen« misst, gehen wir mehr oder weniger jeden
Tag einem geregelten Berufsalltag nach. Bloß nicht stillstehen, immer schön
weiterdrehen in der Rotation einer behebigen alten Maschine. Höre nur ich es
knarzen und ächzen? Gehört das so? Sie sagen uns, man müsse nur an einigen
Schrauben drehen, dann laufe alles wieder rund. Gehen wir dann plötzlich wieder
gern zur Arbeit, weil sich dann plötzlich wieder alles ganz sinnvoll und
notwendig anfühlt? Und die Motivation, der Eifer und Fleiß ganz natürlich aus
uns selbst heraus sprudelt, weil wir das Gefühl haben die Arbeit ist Teil
unseres guten Lebens?
Denn momentan fühlt sich Arbeit allzu mies an.
Denn sie ist ein Vertrag mit der Gesellschaft, dem Staat und der Wirtschaft, die
unseren Wohlstand zwar seit Jahrzehnten in kryptischen Zahlen beschwört, doch
wirklich spüren tun wir davon nichts. Schlimmer noch, wir spüren uns
mittlerweile selbst nicht mehr, weil die Ideologie hauptsache sich nützlich zu
machen, Geld zu verdienen, um es innerhalb eines Monats wieder auszugeben, sich
in unsere Gehirne gefressen hat. Generation für Generation ist mittlerweile
schon der Religion der Arbeit, dem frohen Schaffen verfallen. Meine, die
zwischen ab 1980 geborenen, fühlt sich jedoch von den alten Mantren so verarscht
wie keine vor ihr. Denn niemand fragt so laut nach dem »Warum«?
Und
tatsächlich, warum arbeiten wir, wollen gar vorankommen und Karriere machen,
wenn sich doch kein Versprechen im Diesseits einlöst. Denn eins ist mal klar,
auf das Paradies wollen wir nicht warten. In unserer Berufswelt verlagert sich
ein Elend in ein neues Elend. Während sich die Alten nochmal kräftig auscashen
lassen, dürfen die Jungen in befristeten Arbeitsverträgen Einsatz zeigen und
sollen noch dankbar sein. Von Praktikum über Zeitvertrag zur freien Mitarbeit im
»spannenden« Projekt lässt man sich aussaugen, um am Ende eine »Chance« mehr
genutzt zu haben und sich die leere Hülle wieder mühsam mit einem
Abenteuer-Urlaub oder Bungee-Jump wiederzubeleben. Nicht, dass das nur
anstrengend wäre und die Unternehmen mittlerweile versuchen der Erschöpfung
ihrer jungen Leistungsträger mit Sabbatical, Home-Office und Kicker-Tisch zu
entkommen, es ist vor allem in den allermeisten Jobs vollkommen sinnlos
geworden. Der Lohn auf dem Konto ist ohnehin lächerlich, also geht es allein um
Selbstverwirklichung, Selbsterhalt und damit die Berechtigung von ewiger Arbeit.
Die alten Versprechungen wie Sicherheit, Wohlstand, eine gute Rente, die mal
reicht, Maschinen, die uns weniger arbeiten lassen, wurden längst abgeschafft.
Die Arbeit um ihrer selbst willen, um die Renten der Alten zu finanzieren, den
Laden am laufen zu halten und vor allem die Ideologie, wer nicht arbeitet, nützt
auch nichts, bestimmen uns. Arbeit als Existenzberechtigung. Mehr ist nicht mehr
vorgesehen. Ein mörderischer Kreislauf. Im perfiden Gewand der
Selbstverwirklichung lässt es sich wunderbar zu Tode schuften. Stimmt, wir
müssen alle sterben. Doch für die allermeisten stellt sich die Frage, wie man
seine kostbare Zeit auf Erden am besten verbringen möchte. Am Sterbebett wird
zumindest doch niemand sagen, dass man doch besser noch ein paar Stunden länger
im Büro verbracht hätte. Die Sinnfrage, so abgekaut das klingt, ist da leider
unumgänglich. Und keine Generation, wie die heutige junge, stellt sie so
vehement, laut und so früh in ihrer beruflichen Laufbahn.
Was tun?
Nichts. Im wörtlichen Sinne. Das System ist nicht abzuschaffen, sondern so weit
es geht zu ignorieren. Einfach nicht mehr mitmachen, ist der einzige Weg ohne
Revolution. Denn das soll bezüglich dieses zum Modeworts verkommenen
T-Shirt-Schriftzug gesagt sein: Revolution ist immer blutig und würde uns Jahre,
wenn nicht Jahrzehnte unseres Lebens kosten. Wenn wir nicht sogar selbst dabei
umkommen. Wie meine ich das also mit dem Nichts? Erfasst sie das blanke Grauen,
wenn sie an eine Zeit purer Langeweile und ganz und gar ohne feste Arbeitszeiten
denken, ist das Haus Bartleby kein Ort für Sie.
Tags: Haus
Bartleby, Karriere, Generation Y,/blog/files/tag---/