Von Hanna Mittelstädt
Buchpremiere mit dem Haus Bartleby, 19.9.2025 in
Berlin, Eröffnungsrede

Die Parole des Pariser Mai 68 „Ne travaillez jamais“
(Arbeitet nie!) hängt seit 1972 über meinem Schreibtisch, es ist ein Siebdruck aus
einer politisierten Künstlerkommune in Bordeaux, die diese Plakate 1968 verklebt
hat. Und einer von ihnen, der älteste, kam 1971 nach Hamburg und wurde einer der
drei Verlagsgründer der Edition Nautilus. Er war in der Hinsicht vielleicht der
strikteste von uns Dreien, im Hinblick auf Verweigerung. Verweigerung zu
funktionieren, sich an ein System anzupassen, sei es konventioneller oder
ökonomischer Art. Er lebte fast ohne Geld, bestand auf seiner Langsamkeit, seinem
Eigensinn. Er fuhr eine klapprige Ente (einen 2 CV), von der man nie wusste, ob sie
die 30 km-Strecke von Hamburg-Zentrum nach Hamburg-Bergedorf, wo der Verlag
untergekommen war, schaffen würde, sei es, weil das Geld zum Tanken nicht gereicht
hatte, sei es, weil notwendige Reparaturen nicht gemacht wurden. Die Verachtung
gegenüber dem Kapitalismus schloss auch die Verachtung seiner Maschinen ein.
Natürlich wollten wir uns ihren Regeln nicht unterwerfen!
Seine
Leichtfertigkeit, seine Sturheit und sein betont fröhliches Nicht-Funktionieren
konnte einen auf die Palme bringen. Er brauchte nichts abzusagen, er hatte sich
bereits grundlegend verweigert. Er lebte nach seinem Rhythmus und seinen eigenen
Regeln, die Reibungsflächen mit den ökonomischen Erfordernissen waren gering. Er war
damals nah daran, von sich sagen zu können, ich bin heute schon Idiot, das muss ich
mir nicht für morgen vornehmen – um einen Buchtitel von Hans Christian Dany aus
unserer Flugschriften-Reihe abzuwandeln.
Natürlich hatte er keinen
Buchverlag machen wollen und können, und im übrigen hatte keiner von uns das
gekonnt, und eigentlich wollten wir es zunächst auch gar nicht. Aber er war unser
Füllhorn, was Literatur, Kunst und Geschichte betraf, und stellte als Franzose einer
Vorkriegsgeneration für uns Nachkriegskinder die Verbindung zu dem geistigen
Reichtum her, der durch Krieg und Faschismus in Deutschland besonders stark
verschüttet war. Er war Verweigerer, aber er traute sich und UNS, d.h. einer wie
auch immer gearteten mehr oder weniger zahlreichen Gemeinschaft, ALLES zu. Los
geht’s, wir fangen einfach an, war sein Credo. Die verschiedenen Leidenschaften,
Kenntnisse, Genüsse, Fertigkeiten würden etwas Neues zusammen setzen, aus den
Einzelnen mit ihren Mängeln, Trägheiten, ihrem Ungenügen und ihrer Mutlosigkeit
würde mit einer gemeinschaftlichen Lust etwas Neues, etwas Begeisterndes entstehen.
Etwas, das alle größer machte. Er hatte recht! Er heißt Pierre Gallissaires, hat ein
Leben lang übersetzt, ohne jemals einen Computer zu benutzen, und schreibt nun, mit
über 80 Jahren, nur noch Poesie.
Ein großer Verweigerer war auch der
zweite Verlagsgründer, Lutz Schulenburg. Er war Schulverweigerer,
Prüfungsverweigerer, Kriegsdienstverweigerer, Berufsverweigerer,
Familienverweigerer, Konsumverweigerer … und manches mehr … Als er und Pierre sich
bei den Hamburger Anarchisten trafen, wurde aus den beiden Verweigerern eine
produktive Zelle. Sie setzten umgehend eine Zeitschrift in Gang, mit der sie in die
Diskussion unter den Genossen intervenierten, die sie erweitern und vergrößern
wollten. Der unendliche Wärmestrom der Geschichte der Freiheit und der Befreiungen
sollte im Anarchokeller im Hamburger Karolinenviertel die Ideen anheizen. Sie waren
eine wichtige Produktivkraft, die beiden Verweigerer, und mussten doch hinnehmen,
dass die schneidende Militanz von bewaffneten Perspektiven und die ideologische
Verbohrtheit des Denkens in Freund und Feind, links und rechts sowie die Zerrüttung
durch die Drogenszene die offenen, nicht-hierarchischen, wissbegierigen und
veränderungswilligen Strukturen schwächten und sogar zerstörten.
Da
gehörte ich auch schon zu der Produktiven Zelle. Ich hatte eigentlich nur mein
Studium verweigert, und eine Karriere … klar, das war nichts, was ich wollte. Der
Mai 68 steckte uns in den Knochen, der Aufstand war da gewesen und mit ihm eine
tiefe Ablehnung des „Systems“, was auch immer das genau war. Unsere Ablehnung war
impulsiv und intuitiv, nicht intellektuell. Sie eigenete sich ihr Wissen erst
Schritt für Schritt an. Was uns klar war, nicht nur uns Dreien, sondern eigentlich
allen, mit denen wir zu tun hatten, war, dass wir die kapitalistische Arbeitswelt
ablehnten, die Reduzierung auf ein Funktionieren an oder in einer Maschine, dass die
angebotenen Rollen und Identitäten dieser Gesellschaft uns zu eng waren. Wir wollten
etwas anderes.
Ich verliebte mich in den einen aus dieser Produktiven
Zelle und war umgehend fasziniert davon, was man zusammen machen konnte, wenn man
sich traute. Ich lernte, mich zu trauen. Ich lernte, in temporären Gemeinschaften zu
arbeiten, zu leben, sie mit anderen zu bauen und zu gestalten - und mich in ihnen zu
behaupten.
Zum Verweigern kam ich meistens nicht: meinen VW-Käfer, später
einen Lada-Kombi, beide in orangerot, beide minimal, aber doch regelmäßig gepflegt,
fuhr ich zigtausende von Kilometern zu all den Treffen mit Genossen, Autoren,
Kollegen, Versammlungen unseres Netzwerks. Meine Fertigkeit, 10 Finger blind auf der
Schreibmaschine zu schreiben, war ein rasanter Fortschritt für die Herstellung der
Druckvorlagen, und für die Beschaffung und das gemäßigte Ausgeben von Geld war
eigentlich auch nur ich geeignet.
Das war keineswegs immer lustig. Ich
musste ziemlich viel zusagen und dann auch einhalten, und verfluchte dann die
Verweigerer, die sich so schwer taten mit den Zusagen und diese oft genug
bespöttelten, diese Reste aus der „Alten Welt“, und die es trotzdem doch toll
fanden, so ein stabiles und nachdrückliches Instrument wie einen Buchverlag
bespielen zu können.
Wenn man alles absagt, steht erst einmal „Alles auf Null“
(ein weiteres Buch aus dieser Reihe, von Niels Boeing). Das ist ein guter
Ausgangspunkt. Wenn aber „Alles auf Null“ steht, ist die Frage, was dann?! WAS dann
und WIE dann. Das scheint mir die eigentliche Frage und die eigentliche
Herausforderung zu sein.
Wie finden wir uns zusammen, um zu entscheiden,
was wir tun wollen? Denn, das hatte ich gelernt, der erste und wichtigste Schritt
für eine Veränderung ist der Schritt in ein WIR, ein WIR, das wachsen kann, sich
verändern kann, geschmeidig bleibt. Kein Egotrip, kein Palast der Revolution …
Die zwei wichtigsten Eckpunkte unserer damaligen Revolte, und damit auch
der Gründungsgeneration der Edition Nautilus, waren die spanische Revolution von
1936 und der Rat zur Aufrechterhaltung der Besetzungen in Paris von 1968. Das waren
zwei große kollektive Versuche, alles anzufangen:
Über die Spanische
Revolution schrieb unser Autor Carlos Semprun-Maura 1977: „Jawohl, man kann von
einer „wilden Demokratie“ sprechen (wie von einem „wilden Streik“), um das neue
gesellschaftliche Leben zu kennzeichnen, das von den bewaffneten Arbeitern in
Katalonien eingeführt wurde, und aus der eine gesellschaftliche Organisationsform
des Typs einer Räteföderation hätte entstehen können … 70 % der Betriebe waren
kollektiviert, es gab zahlreiche
landwirtschaftliche Kommunen, Arbeitermilizen,
die alten Polizeikräfte waren liquidiert, es gab revolutionäre Komitees in den
Betrieben, Vierteln, Städten und Dörfern, eine antiautoritäre „neue
Geistesverfassung“, Umwälzungen im alltäglichen Leben und in der Lage der Frauen
usw.“
Und für René Viénet, Situationist und Wütender, ist die Bewegung
der Besetzungen (im Mai 68) der „Auftakt zu einer neuen Epoche … Sie muss noch
anspruchsvoller werden, ausgehend von der Position der Stärke, die die Geschichte
ihr gibt. Nichts weniger als die internationale Macht der Arbeiterräte kann sie
zufrieden stellen ...“
Wie schaffen wir es also hier und heute, mit einer
„wilden Demokratie“ zu beginnen und in eine gesellschaftliche Organisation in Form
einer Räteföderation überzuleiten?
In „Alles auf Null“ formuliert Niels Boeing
Parolen, die für das Anfangen wichtig sind:
Opposition ist nicht
genug
Eine Massenproduktion von Taten entwickeln
Quartiersräte
gründen
Know-how entwenden und verschenken
Das Geld aus dem Alltag
drängen
Jede Lücke besetzen, die sich auftut
Sich nicht bestechen
lassen
Und am Schluss: Wir haben nichts zu verlieren als unsere Angst vor dem
Scheitern!
Also: Traut Euch! Tut Euch zusammen! Fangt alles an!