von Anselm Lenz
Der beliebte Begriff vom »Teilen« wird in der
neoliberalen Kampfsprache für das Gegenteil missbraucht. Über die Pervertierung
»Digitaler Revolutionen« im Gewand des »Sharings«.In seiner
weltbekannten »Geschichte mit dem Hammer« schilderte der österreichische Psychologe
und Schriftsteller Paul Watzlawick, wie schwierig es für das isolierte Subjekt sein
kann, einfachste Kooperationen anzufragen: Ein Mann, der in seiner Mietwohnung ein
Bild an die Wand nageln will, zweifelt fürchterlich, ob sein Nachbar bereit sein
werde, ihm den Hammer zu leihen, bis er sich schließlich doch durchringt, an der
Türe läutet, um dann aber unversehens zu brüllen, der werte Herr Nachbar könne
seinen Hammer behalten!
Dieses Problem hat das Internet anscheinend
gelöst. In sozialen Netzwerken fällt es offenbar leichter, das Risiko von Ablehnung
und Misserfolg einzugehen. In florierenden Handels-, Partner- und Tauschbörsen
scheinen Ängste und Faulheit schneller überwunden; am Bildschirm wird gehandelt,
gedealt und geflirtet. Soziale Bewegungen könnten sich hier leichtens gründen und
verabreden.
Mit der verbreiteten Hoffnung auf linke Solidarisierung im
weltweiten Netz spielt das Phänomen der »Share Economy«. Unter diesem Titel, der so
charmant nach digitalem Kommunismus duftet, firmiert aber in aller Regel nur der
nächste Vermieter. Beim bekanntesten Beispiel, dem »CarSharing«, bleibt das Auto,
und damit der über ein Jahrhundert lang gehegte Traum von »Coolness« und sozialem
Aufstieg durch den eigenen rollenden Verbrennungsmotor im Eigentum von
Autoherstellern und -eigentümern.
Wir nennen es »Teilen«
»Nur drei Jahre nach Unternehmensgründung haben
wir es geschafft, in Deutschland ein profitables Geschäftsmodell aufzubauen«,
erklärt Aurika Neumann von »DriveNow«, das sich jeweils hälftig im Eigentum der Sixt
Autovermietung und BMW befindet. Der »CarSharer« hat derzeit mit 330.000
Vertragskunden die größte Anzahl an »Sharern« und konzentriert sich auf die
Ballungsräume.
Das Modell funktioniert so, dass nach Vertragsabschluss
via Internet die Autos »jederzeit auf allen öffentlichen Parkplätzen angemietet und
abgestellt werden« können. Dabei hilft die App auf dem Smartphone, die eine Auswahl
und Standorte der Mietwagen anzeigt. »Darüberhinaus bieten wir unseren Mitgliedern
attraktive Partnerpakete als Freizeitoptionen an, die aus dem Auto heraus gebucht
werden können, z.B. Fahrt und Eintritt in Thermen, Shopping-Outlet-Center zu
vergünstigten Tarifen - Freikilometer, Eintritt oder Shopping-Gutscheine sowie
Tanken inklusive.« So seien die Carsharing-Kunden dementsprechend auch
»einkommensstark«, »risikobewusst« und »technikbegeistert«, im Schnitt 32 bis 35
Jahre und männlich, so Neumann in ihrer Antwortmail ans Haus
Bartleby.
Der flexible Besitz eines Autos ohne dessen Eigentümer sein zu
müssen, macht also sozial mobile Bürger in großen Städten noch mobiler. Weitere
kommerzielle »Carsharer« in Deutschland sind Car2Go von Daimler zusammen mit der
Europcar-Vermietung, sowie Multicity von Peugeot-Citroën und DB Rent; auch dies sind
Joint-Ventures zwischen Autokonzernen und -vermietern nach demselben
Muster.
Macht der halbstaatliche Volkswagen-Konzern etwas anders? Das
VW-Carsharing »Quicar« findet derzeit in der Hannoveraner Region mit 11.000 Mietern
statt, und prüfe dort derzeit »Aktivitäten mit anderen Konzernmarken«. Eine
»Übertragung auf andere Standorte ist derzeit nicht vorgesehen«. Malte Krause von
der federführenden »Volkswagen Financial Services« erklärt sich den Vorteil
gegenüber der klassischen Autovermietung im »einfachen Zugriff auf Fahrzeuge per
RFID-Chip, die Abwicklung mit nur einer einzigen Registrierung sowie einem
zuverlässigen Preismodell. Darüber hinaus ermöglichen die kürzeren Mietzeiträume
sowie das flächendeckende Stationsnetz eine größere Flexibilität bei der Anmietung
und der Fahrzeugrückgabe.«
Mit »Greenwheels« in Holland sei VW Financial
Services zudem an einem profitablen »Testmodell« beteiligt, dessen Erfahrungen für
die Zusammenarbeit mit den öffentlichen Verkehrssystemen »sehr wertvoll« seien, so
Krause. »Zielsetzungen sind die gemeinsame Weiterentwicklung des Geschäftsmodells
und ein Ausrollen in weitere Länder, insbesondere in Europa.« Bei Greenwheels wird
unter dem Namen »Audi Shared Fleet« exklusiv für die im World-Trade-Center Amsterdam
ansässigen Firmen Autos angeboten, die minutengenau abgerechnet würden. Immerhin
erwähnt VW die »Zusammenarbeit« mit dem ÖPNV, was alle anderen Carsharer nicht tun
oder sich generell mit klaren Äußerungen schwertun.
Freie Fahrt für mobile Kleinbürger, genannt »Digitale Revolution«
Nun
ist an der Digitalisierung der Autovermietungen nichts Schlechtes, solange man sich
bewusst ist, dass hier eben nicht geteilt, sondern weiterhin vermietet wird. Die
Autovermietung per Smartphone und Kreditkarte effektiviert die herkömmliche
Autovermietung, spart Personal ein und macht Vermietungszentralen überflüssig: Die
Mietwagen werden nun auf öffentlichen Parkplätzen abgestellt und abgeholt. Wie
Rhetorik und Praxis der CarSharer von »attraktiven Partnerpaketen«, »Zugriff«,
»RFID-Chips«, »profitablen Geschäftsmodellen« und dem »Ausrollen« in andere Länder
aber zeigen, ist das »Sharing« von Automobilität hierbei nichts, als eine
Entstellung des Begriffs. Durch Technik müsste die Verteilung besser werden, die
Arbeitszeit kürzer, der Stress abnehmen, die Gerechtigkeit zunehmen, die Hierarchien
flacher. Das Gegenteil ist der Fall.
»I share, I care« ist nichtmal Charity
Die Grünen interessieren sich
ja immer wahnsinnig für Sex und Öko-Ware. Also immerhin: Könnte sich das grüne
Thema, die Innenstädte von den als unschön empfundenen »Blechlawinen« zu befreien,
mittels Carsharing einlösen? Auch das wohl kaum, wenn Pendler weiterhin zur
Tageszeit in die Zentren hineinfahren und zum Abend wieder hinaus. Die Angebote der
Carsharer richten sich an Leute, die auch auf Kurzstrecken lieber aufs Gaspedal
treten, als sich im ÖPNV zum gemeinen Volk drängeln zu müssen. Ist das grün? Die
Anzahl an Verbrennungsmotoren je Verkehrsteilnehmer nimmt mit dem Carsharing der
Konzerne zu und nicht ab.
Was ist Sharing dann, wenn es die Waren wie
etwa das Auto nicht mehr in das Eigentum der Menschen weiterreicht, sondern ihnen
nur noch den »Zugriff« darauf verkauft? Rachel Botsman erfand in ihrem Buch »Meins
ist deins« den Begriff »Collaborative Consumption« oder »Kokonsum«. Damit soll die
Verlagerung der Befriedigung, Konsumgüter in seinem Eigentum zu wissen, hin zum
Genuss des bloßen Besitzes auf Zeit beschrieben werden. Fürs sogenannte CarSharing
heißt das: Anstatt des
Autos das
Fahren zu lieben. Ob damit gleich
eine »Verschiebung von einer Ich-Kultur zu einer Wir-Kultur« verbunden ist, wie es
Botsman behauptete, ist höchst fraglich, wenn das Eigentum wie beim kommerziellen
CarSharing weiterhin Profitinteressen dient.
Was meint also der
Demonstrant auf einer Kundgebung, wenn er ein Schild mit der Forderung »Teilen,
Tauschen, Verschenken!« in den geeinten Berliner Himmel reckt? Mag er ein geiles
Stückchen Kuchen fordern, anstatt seinen Anteil von der ganzen Bäckerei? Um beim
Beispiel der Automobilität zu bleiben: Könnten wir bei 52 Millionen registrierten
und fahrtüchtigen Autos in Deutschland nicht längst ein echtes Carsharing haben? Und
dies sogar ohne am bürgerlichen Fetisch vom Eigentum zu rütteln? Weltweit gibt es
laut International Transport Forum über 1 Milliarde Autos. In Europa kommen etwa 470
Autos auf 1000 Einwohner.
Die Seite »wende.org« hat die digital gestützte
Vermietung von Autos per Internet in Deutschland quasi erfunden. Wende.org
programmierte die Plattform, hielt sich aber ansonsten aus den Absprachen zwischen
Mieter und Vermieter heraus. »Es gibt keine Verträge und keine Kosten mit uns«,
berichtet Regina Pfeifer von wende.org: »Relativ kurz nach unserer Initiative
starteten tamyca.de und einige andere Anbieter, mit ausgereiften Geschäftsmodellen
mit Autoversicherern und intensiver Werbung. Diese Form des privaten Carsharings hat
sich neben den Vermietungen der Autoindustrie dann durchgesetzt«.
Ein
Sharing, bei dem sich Menschen selbst organisieren und die Kosten für Anschaffung
und Unterhalt eines Autos teilen, kann auch eine Internetplattform bislang nicht
koordinieren. Einen Nachbarschaftsauto-Vertrag bietet aber beispielsweise der
Verkehrsclub Deutschland an, um das rechtliche Vertrauen in dieses Modell zu
fördern, auch wenn Verträge per Handschlag, oder als Notiz auf einem Bierdeckel,
dieselbe Gültigkeit hätten.
Bei allem gilt wie immer im Kapitalismus,
dass wer nichts hat, auch noch was weggenommen wird. Das gilt zunehmend auch für das
sogenannte Trampen, also das spontane Mitfahren in Autos mit freien Sitzplätzen auf
Strecken, die ohnehin zurückgelegt werden. Durch die Verbreitung der digital
organisierten Mitfahrzentralen wie mitfahrgelegenheit.de (Carpooling GmbH) wird das
Mitnehmen für alle Beteiligten zunehmend zum Business. Für jede einzelne
Mitfahrgelegenheit zieht mitfahrgelegenheit.de 11% Makler-Provision ab, wobei
Angebot und Nachfrage nach einer Mitfahrt auf der Homepage automatisiert sind. Die
Technik ist seit einem Jahrzehnt bekannt, erprobt und erfordert kaum
Wartung.
Zu vermieten: Ich!
Auf Seiten wie »UberCar« kann sich nun jeder, der
ein Auto besitzt, als Chauffeur auch für innerstädtische Fahrten dienstbar machen -
das kann theoretisch ein soeben angemieteter Leihwagen sein. Am 11. Juni streikten
die Taxifahrer in europäischen Städten mit Straßenblockaden gegen den Angriff auf
ihr Berufsfeld. Uber ist mit 1,2 Milliarden Dollar in den Markt eingestiegen. »Fahrt
anfordern und per Handy bezahlen« frohlockt Uber auf seiner Homepage, wobei dafür
gleich mal ein Kreditkartenkonto angegeben werden muss.
Das Risiko der
scheinselbständigen Arbeit für Uber wird dabei allein auf den Fahrer abgewälzt, der
sich auf der Homepage bei der Anmeldung seiner Dienste etwa so fühlen soll: »Dieser
Moment gehört Dir ganz allein!« Danach gehört sich der Dienstleister nicht mehr. Er
unterschreibt einen zwölfseitigen Standardvertrag, der alles reguliert, auch den
Gerichtsstandort Amsterdam in englischer Sprache, darf sich aber weiterhin als
freier Unternehmer fühlen. »Die richtige Wahl für einen fantastischen
Abend!«
Der sich privat anbietende Fahrer wird nach Fahrtende in einem
kybernetischen Kontrollsystem des Start-Ups mit 1 bis 5 Sternen von seinem Mitfahrer
bewertet, der nun hier immerhin offen ein »Kunde« genannt wird. Und ihm hierarchisch
qua der neuen Technokratie automatisch übergeordnet wird. Das technische Prinzip der
schick aufgemachten App ist vergleichsweise einfach. Die Provision von 20%
garantiert Uber eine ewige Technikrente auf alle Taxifahrten ohne nennenswerten
eigenen Aufwand, auch wenn das Unternehmen inzwischen nach juristischen Niederlagen
in Hamburg, Berlin und Frankreich vorübergehend auf eine andere Angebotspolitik
umschwenken musste. Ein Eigentümer des Start-Ups, Travis Kalanick, äußerte sich dazu
so: »Wir befinden uns in einer politischen Kampagne, in der der Kandidat Uber heißt
und der Gegner ein Arschloch namens Taxi.«
Das vielbeschworene Konzept
vom »Start-Up« für Jedermensch mit sympathischen jungen Technik-Schraubern, die
durch Intelligenz, Witz und Know-How die Zivilisation voranbringen und dabei selbst
zu Reichtum gelangen, könnte also eine Marketing-Legende sein? Lassen Sie mich eine
Zehntelsekunde überlegen: Ja, denn nicht nur das immerhin unverblümt großhubernde
Uber ist ein Start-Up, das letztlich wieder Monopolisten wie Google, Benchmark und
anderen gehört. Darin unterscheidet sich Uber nicht von anderen
Unternehmensgründungen: Risikokapital bekommt der, und nur der, der sich super
geschmeidig andient und brutale Renditen verspricht.
Nun sind Automobil
und Automobilität nicht nur die beliebtesten Objekte des Begehrens im Kapitalismus.
Sie sind geradezu Gleichnisse: Das Versprechen von einer maskulin-heroischen
Freiheit, der rasenden Verfolgung des Glücks. Wie sieht es aber aus, wenn es um
Immobilien geht? Was macht der Uber-Cowboy, wenn er seinen Taxi-Mietwagen nachhause
fährt und es sich in den eigenen vier Wänden von seinem »freien Unternehmertum«
erholen muss?
Die totale Verflüssigung
Auf Internetseiten wie »Air'B'n'B« und
»9flats« lassen sich private Gästezimmer und Wohnungen untervermieten. Was für den
Reisenden als Möglichkeit begann, private Unterkünfte zu einem günstigen Preis und
mit persönlichem Flair zu bekommen, droht inzwischen der Tourismus-Hotellerie den
Garaus zu machen.
Abgesehen davon, dass mit der Untervermietung einer
Couch im Gästezimmer die Gastfreundschaft zunehmend zu einem Business wird, an dem
die Eigentümer der einmal programmierten Application bei jedem einzelnen
Vermietungsvorgang mitverdienen, steigen in Städten wie New York inzwischen die
Grundmieten. Die Möglichkeit der Untervermietung wird zunehmend eingepreist.
Mancheiner könnte seine Wohnung ohne die Untervermietungen gar nicht mehr
bezahlen.
»The rent is too damn high«, nennt sich dementsprechend auch
eine Splitterpartei im US-Staat New York, »Die verdammte Miete ist zu hoch«, ein
Slogan aus Brooklyn, der beispielsweise in Berlin-Neukölln von der Gruppe »AntiGen«
und anderen übernommen wurde. Wer noch »Access« zu einer Wohnung haben will,
übergibt dem Eigentümer laut NRW-Wohnungsmarktbericht in jedem sechsten Fall über
40% vom Lohn. In Mietshäusern, die teils schon lange abgezahlt sind, und an denen
auch keine teuren Verbesserungen mehr vorgenommen werden, wird dieses Geld also
weiterhin ausschließlich für die »Verantwortung« des Vermieters überwiesen, über ein
Eigentum zu gebieten, das er selber gar nicht benutzt. Oder wissen Sie so genau,
wofür Sie diese ewige Miete bezahlen? Buchstaben auf Papier, Behauptung und
»Ätschibätsch, meine Vorfahren waren zuerst da, und haben schon immer andere für
sich schuften zu lassen!« Das sogenannte Sharing beschleunigt diese ekelige
Aneignung und anschließende Kapital-Anhäufung, es dient eben nicht dem
»Teilen«.
Im Meer der Daten
Was ist dann die vielbeschworene Digitale
Revolution? In der pervertierten Form des entstellten Sharings: Sofern der Mensch
kein Großgrundbesitzer ist, dann ist es nichts anderes als die totale Verflüssigung
der menschlichen Existenz in einer Vermietungsspirale. Nichts ist mehr fest, bis
alles liquidiert ist. Der Einzelne darf im Meer der Daten rudern, sich
prostituieren, vermieten bis der Abdecker kommt, und den Eigentümern seinen Mehrwert
in immer neuen Dienstleistungen zu immer niedrigeren Honoraren auf einem endlich
gänzlich enthemmten Markt anbieten.
»Die Disruption der Märkte«, beklagte
Chistoph Keese von der Axel-Springer-SE in einem Interview mit der sozialistischen
»Jungen Welt« (sieh an), das sei das Ziel der Risikokapitalisten im Silicon Valley.
Renditen von mindestens 500% binnen weniger Jahre seien die Vorgabe plus
Technikrente. Der Angestellte des Medienkonzerns, dessen Geschäftskonzept sechzig
Jahre lang im Wesentlichen aus Anzeigenverkäufen an Autohersteller bestand, fürchtet
zurecht um die Pfründe seines Betriebes. Denn mit Boulevard kann im Netz kein Gewinn
mehr gemacht werden. Sexiness, Star-Klatsch, Autotest und Hassreden besorgen sich
die Konsumenten im Netz gegenseitig per Google, Facebook, Instagram, WhatsApp und
anderen - woran einzig ebendiese Plattformen mit zwischengeschalteten Anzeigen
verdienen. Dasselbe in groß, bloß ohne Löhne für Arbeiter, Redakteure und
Photographen.
Nun wird es keinem vernünftigen Menschen ernsthaft um
überholte Großverlage leid tun. Doch: Der Shareholder Value liegt nun bei
Eigentümern, die nach derzeitigen Regularien fast niemanden mehr beteiligen - und
auch nicht beteiligen müssen, weil sie mit winzigen zentralen Teams arbeiten können.
Kapitalistischer Realismus meets zentral gelenkte Kommandowirtschaft. Wir nennen es
»Freiheit«.
Keese hielt sich deshalb zusammen mit »Bild«-Wichtel Kai
Diekmann ein Jahr lang im Silicon Valley auf, um Auswege aus Springers
Globalisierungsproblem mitzubringen. Viel gefunden haben sie offenbar nicht, außer
einer Erkenntnis, wie sie 2011 der unlängst verstorbene Herausgeber der Frankfurter
Allgemeinen Zeitung hatte: »Ich beginne zu glauben, dass die Linken recht
haben.«
Nostalgische Neoliberale
»Man leiht sich was, man mietet, man tauscht
und teilt. Aber akkumulieren, also Eigentum anhäufen? Das scheint aus der Mode zu
kommen!«, blitzmerkte die Wirtschaftsillustrierte brand eins im Mai 2013. Ganz so,
als wäre der Zweitwagen eines bürgerlichen Haushaltes in früheren Zeiten mit
globalem Konzernbesitz vergleichbar.
Gleichsetzung von Makro- und
Mikroökonomie ist dabei der älteste Kalauer der Eigentums-Fäns. Wenn der Konsument
eine kleine Yacht kauft, kann natürlich noch nicht von Anhäufung gesprochen werden,
allenfalls von Luxus, gegen den niemand, der das Leben liebt, allzuviel einwenden
kann. Bei einem Yacht-Vermietungsbetrieb mit mehreren oder tausenden Einheiten
hingegen schon. Und eben erst recht, wenn man an einer einmaligen
Koordinationsleistung wie der Programmierung einer Yacht-App auf alle Zeit an jedem
einzelnen Tauschgeschäft - Dein Geld gegen die zeitlich begrenzte Nutzung
irgendeiner Yacht - mitverdient.
Im Netz wird partiell das »geistige
Eigentum« einiger Weniger monopolistisch geschützt, während der Arbeiter oft noch
Provision draufzahlt, um sein Werk abzuliefern. Geistiges Eigentum? Einige sind eben
immer etwas geistiger! So entstehen neue Monopole, die jeden staatsmonopolistischen
Kapitalismus um Längen in den Schatten stellen, weil sie an jedem Arbeitsvorgang und
jeder Transaktion mitverdienen. Und die Umsätze gar nicht oder andernorts
versteuern. Von echter Teilhabe ganz zu schweigen: Die Transaktionssteuer à la
»Share Economy« gibt es also schon. Sie geht an die Eigentümer der Plattformen und
sind derzeit jeder demokratischen Kontrolle entzogen.
Alle sind eingeloggt
Der Drang des Otto-Normal-Verbrauchers zum
Eigentum sei schlichtweg »aus der Mode«, feierte die brand eins noch 2013 den
Sharing-Euphemismus, womit der bröckelnden Mittelschicht eine ganz neue soziale Ader
unterstellt wurde. Anstatt zumindest anzuerkennen, was der Empiriker Thomas Piketty
dieses Jahr nun auch mit Zahlen bewies: Dass sich auch die Kleinbürger schlichtweg
nichts mehr leisten können. Schon gar nicht Eigentum durch abhängige Erwerbsarbeit.
Von einer Yacht ganz zu schweigen, die dementsprechend auch nicht weitervermietet
werden kann. Weder per »Sharing-App« noch per freundlichem Aushang am Pier. Wofür
also noch so brav dienstbar im Sinne des Kapitals sein, Kleinbürger?
Die
brand eins gab übrigens noch inmitten ihres euphorischen Textes über die
spätherbstliche Sharing-Mode den Merksatz aus: »Revolution ist Selbstmord!« Ein
freundlicher Tipp, damit wir dann Bescheid wissen, dass das Sharing soweit nun
wirklich niemals gehen dürfe? Ein Jahr später bemerkt nun die
verschwörungstheoretische Nachrichtenillustrierte »Der Spiegel«, dass mit einer
»Wohlstandslüge« in einem »Zombie-System« der »Clash« drohe.
Klerus reloaded, Adel unlimited
Nun haben sich die westlichen
Gesellschaften bis heute noch immer nicht ganz von Adel und Klerus befreit. Die
Kirchensteuer wird auch in Deutschland nach wie vor vom Staat eingetrieben und
diverse klerikale Privilegien gefördert. Dazu sind es noch immer deutsche
Familienclans und Konzernheinis mit schmutziger Vergangenheit, die Ländereien,
Produktionsmittel, Wohnsiedlungen und historische Gebäude den Leuten vorenthalten,
ihnen Miete und (sozusagen) Wegezoll abverlangen und das alles selbstverständlich
finden, irgendwie so, als wäre es »natürlich«.
In diesen historisch nie
ganz abgeschlossenen bürgerlichen Emanzipationsprozeß von Adel und Klerus, der der
sozialdemokratischen Annahme nach zu einer allmählichen Überwindung des Kapitalismus
führen würde (wer das glaubte, wurde schon früher nicht selig, aber gut, die Legende
lebte noch bis circa 1977) kracht nun ein neues Feudalismusproblem hinein. Es wird
sogar aus der prokapitalistisch-liberalen Sicht nicht zu übergehen sein: Ein neuer
Internet-Adel teilt die Früchte der Arbeit unter sich auf und lässt nicht einmal
mehr die Möglichkeit des Aufstiegs in die bevorteilte Sphäre durch Arbeit, Glück,
Geschick und ein gerüttelt Maß Skrupellosigkeit zu. Sondern vermittelt lediglich
noch den Zugang zur Nutzung mancher Dinge. In einer solchen Welt wird das verfügende
Bürgertum nicht mehr gebraucht werden, weil die Koordinationsleistung der Arbeit und
der aus der Arbeit geschöpfte Profit nun von einigen wenigen Internet-Plattformen
übernommen wird. Diese Veränderung findet nicht binnen Jahrhunderten statt, sondern
innerhalb weniger Jahre.
Die Freude an dieser derzeit stattfindenden
quasi-restauratorischen Revolution gegen das Bürgertum dürfte sich allerdings auch
bei Menschen ohne Eigentum, also dem Arbeiter, in engen Grenzen halten. Wo zuvor mit
dem Fabrikanten, dem Aktionär oder dem Vermieter immerhin noch ein Adressat für den
Klassenkampf erreichbar war, findet sich nun oft nichtmal mehr eine E-Mail-Adresse
auf den Homepages des Internet-Adels.
Wer den berechtigten Zorn über die
Disruption der Märkte nicht einer neuen hässlichen Koalition aus nationalem
Bürgertum und sich entwurzelt fühlendem Arbeiter überlassen will, muss mithelfen,
neue Regeln zu erfinden, die diesen Prozess vom Kopf auf die Füße stellen. Und da
das Bürgertum in diesen Abläufen nicht mehr vorkommt, weil es weder die neue Technik
jemals beherrschen kann, noch die Arbeit erledigt, und auch nicht mehr für die
Koordination gebraucht wird, werden diese neuen Verteilungs-Regeln zwangsläufig zum
Vorteil der Arbeiterin sein, sofern sie endlich beginnt, über das Eigentumsproblem
zu sprechen. Mit Arbeiterin meine ich hier ganz bewusst mich, jeden und jede, die
auch nur in irgendeiner Weise vom Verkauf ihrer Arbeit abhängig ist, hier wie
überall. Wir müssen die Regeln ändern.
Und - wer hätte es anders
erwartet? - diese neuen Vereinbarungen werden von uns vollständig und umfassend
selber durchgesetzt werden müssen. Gib mir mal den Hammer,
Alter.
Anselm Lenz, Hamburg, für das Haus Bartleby im Dezember
2014
Tags: Haus
Bartleby, Arbeit,Sharing, Share economy,Silicon Valley, Vermietung,
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